Berlin : Ur-Berlin auf der Spur

Die Vorbereitungen für die 775-Jahr-Feier laufen auf Hochtouren. Doch Archäologen halten die Stadt für älter.

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Der Groschen hält.
Der Groschen hält.

Feiern wir ganz falsch? Soll denn nun alles abgeblasen oder umetikettiert werden? Bekommen die ab August geplanten Veranstaltungen zum 775. Jahrestag Berlins einen ganz neuen Dreh? Fachleute fänden es zwar „ziemlichen Quatsch“, wenn wichtige neue Erkenntnisse zur Berliner Lokalgeschichte dazu führten, alle bisherigen Planungen über den Haufen zu werfen. Dennoch geben sie zu bedenken: „Wir haben archäologische Funde und Indizien, dass Berlin 50 Jahre älter ist als die Urkunde von 1237, in der der Ort Cölln auftaucht und auf die sich alle Jubiläumsfeiern beziehen“, sagt Michael Hofmann, Archäologe beim Landesdenkmalamt Berlin, seit 1983 in diesem Metier tätig und Leiter zahlreicher Erkundungen der tieferen Schichten der Berliner Geschichte. Grundlage für seine Hypothese sind Holzfunde, die in den letzten Jahren geborgen wurden. „Hier konnten wir anhand dendrochronologischer Datierungen von Brunnenhölzern oder Hölzern ehemaliger Keller nachweisen, dass in Cölln und Berlin an verschiedenen Stellen ab 1170 und 1180 Menschen wohnten.“ Ein weiteres Indiz sei, dass bei großen Friedhofsgrabungen Gräber gefunden wurden, die unter den Fundamenten der ältesten Steinkirchen lagen, „und wenn man berücksichtigt, dass es auch damals eine Belegungsdauer von 20 bis 30 Jahren gab, können wir definitiv davon ausgehen, dass um 1180 die ersten Häuser in Berlin und Cölln standen“, meint Michael Hofmann.

Theoretisch könnten wir also statt 775 Jahre genau 50 mehr, also 825 Jahre Stadtjubiläum feiern. Das klingt irgendwie gesetzter. Und es stimmt wohl auch. Doch entscheidend ist nach wie vor jene Urkunde mit der Ersterwähnung Cöllns vom 28. Oktober 1237, die im Domstiftsarchiv Brandenburg liegt.

Doch ebenso ist erwiesen, dass schon Jahrhunderte früher Menschen in Berlin lebten. Michael Hofmann: „Wir haben erst jüngst an zwei Stellen Spuren von jungsteinzeitlichen Siedlern, also Bauern, gefunden. In Abfallgruben lagen Feuersteinklingen und -spitzen, unter mittelalterlichen Schichten in der Breiten und in der Stralauer Straße befand sich eine weitere Kulturschicht. Trotzdem können wir nicht sagen, Berlin sei jetzt dreieinhalbtausend Jahre alt. Wir gehen von einer kontinuierlichen Besiedelung aus, und die setzte im letzten Drittel des 12. Jahrhunderts ein.“

In diesem Zusammenhang lobt der Profiarchäologe die Mitarbeit von Hobbyarchäologen, Bodendenkmalpflegern und Historikern, die mit Leidenschaft für ihre Heimatstadt ans ehrenamtliche Werk gehen, bei Grabungen helfen und gute Tipps geben. Einer von ihnen ist Fritz Becker aus Kreuzberg, der seit vielen Jahren Material über Berliner Fundstätten zusammengetragen und bewertet hat. Sein Fazit: „Das tatsächliche Alter Berlins lässt sich sorgfältig auf minimal 2000 Jahre und mehr beziffern.“

Die Fachleute hingegen haben es mehr mit einer großen Materialfülle zum Thema Mittelalter zu tun, da ergibt sich zum Beispiel die Frage: Wann begann die Bebauung im alten Kern? „In Berlin gab es ja die Altstadt um die Nikolaikirche und die Neustadt um die Marienkirche, Historiker haben immer gesagt, die Neustadt wurde erst ab 1250 besiedelt, aber wir haben festgestellt, dass es in der heutigen Rathausstraße – der Grenzstraße zwischen Alt- und Neustadt – schon 1220 die ersten Häuser und Siedler gab“, sagt Michael Hofmann. Der Archäologe möchte die intensive Suche nach der Vergangenheit als Bereicherung des Geschichtsbildes verstanden wissen, er spricht von kleinen Mosaiksteinen, die die Stadtgeschichte füllen. Bei den jüngsten Grabungen vor dem Rathaus wurden 900 Münzen gefunden! 80 Prozent sind gut erhalten, sie stammen aus der Zeit um 1300 bis zum 19. Jahrhundert. Demnach gab es starke Handelsbeziehungen nach Sachsen und Böhmen, später Magdeburg, Halberstadt, Pommern.

Erkenntnisse werden auch durch die neuen technischen Möglichkeiten befördert: Mit einer riesigen Datenmenge kann belegt werden, wann eine Bebauung einsetzt, welche Tätigkeiten auf dem Grundstück stattfanden, was die Leute aßen, welche soziale Stellung sie hatten. Wenn die anthropologischen Auswertungen von den großen Friedhofsgrabungen vorliegen – allein am Petriplatz sind über 3000 Gräber erfasst worden –, dann kommt anhand von DNA-Analysen und Isotopenmessungen einiges über das Alter der Skelette und die Herkunft unserer Berliner Vorfahren ans Licht. Stammen sie aus dem Harz oder aus Westfalen oder aus der Altmark? Wir bleiben neugierig.

Beim Bau der U-Bahn-Linie 5 könnte es noch überraschende Funde geben, beim Schlossplatz kaum. Diese Grabungen sind abgeschlossen. Und das Areal vom Palast der Republik „ist archäologisch untersucht, also tot“. Aber vielleicht findet sich noch irgendwo die Kassette, die bei der Grundsteinlegung in der Beton-„Wanne“, in der der Palast ruhte, versenkt wurde. Aber das wäre für Archäologen neueste Neuzeit, also ziemlich uninteressant.

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