Berlin : Urlaub: Jungfernheide statt Italien: Bezirke sparen bei Ferienfahrten

Susanne Vieth-Entus,Ole Töns

Sechs Wochen Sommerferien - für viele Familien sind dies mindestens zwei zuviel. Zurück aus dem maximal dreiwöchigen gemeinamen Urlaub irgendwo zwischen Nordsee und Kreta müssen die Eltern meist wieder arbeiten. Den Kindern bleiben Kino und Freibad. Und dann? Ein Ausweg wird zunehmend verstellt: die Ferienangebote der Bezirksämter. Allein in den letzten drei Jahren schrumpften die Zuschüsse um ein Drittel. Einige Bezirke werden die Förderung ganz einstellen. Andere verkaufen ihre Erholungsimmobilien oder verpachten sie an freie Träger.

Was die Bezirke bisher im Ferienbereich leisten, wird oft unterschätzt. Fast jedes zehnte Schulkind verdankt schöne Ferienerlebnisse den Zuschüssen der Jugendämter. Von Jungfernheide bis Italien und weiter erstrecken sich die Angebote, die meist von freien Trägern organisiert und dann öffentlich subventioniert werden. Da wird gezeltet und gewandert, gebacken oder gerudert. Allein 1999 wurden 32 000 Kinder auf die Reise geschickt. 11,5 Millionen Mark steuerte die öffentliche Hand bei. Dieses Jahr wurden nur noch 8,1 Millionen veranschlagt.

Um trotz der Finanznot möglichst viele Kinder mitnehmen zu können, verzichten einige Bezirke inzwischen auf teure Auslandsreisen, andere sogar auf Reisen ins Nachbarland Brandenburg. Unter dem Motto "Kinder, Licht und Sonne" organisieren sie ein- bis zweiwöchige Programme innerhalb der Stadt, die Kinder übernachten zu Hause. Zudem wird zunehmend auf die soziale Mischung in den Gruppen verzichtet, weil die geringere Platzzahl oft nur für Kinder aus ärmeren Familien reicht. Und schließlich werden auch kaum noch Kinder über 14 Jahren mitgenommen.

Die Senatsjugendverwaltung betont, dass es sich bei den Ferienreisen keineswegs um einen verzichtbaren Luxus handelt. Laut Jugendhilfegesetz seien sie Pflichtaufgabe des Staates. Allerdings ohne Finanzierungsgarantie. Zusätzlich zu den Bezirksreisen hält Jugendsenator Klaus Böger (SPD) noch spezielle Ferienangebote bereit, darunter Integrationsfreizeiten mit behinderten Kindern und ein Gastelternprogramm für sozial schwache Familien. Knapp 1,5 Millionen Mark fließen in diese Aktivitäten.

Was in den einzelnen Bezirken 2002 noch im Bereich "Ferienfreizeiten" übrig bleibt, hat der Tagesspiegel abgefragt:

Voraussichtlich kein Geld wird 2002 Pankow erübrigen können. In diesem Jahr gibt es immerhin noch 417 000 Mark für 700 Plätze. Das ist allerdings schon wesentlich weniger als früher, als allein Prenzlauer Berg über eine ähnliche Summe verfügen konnte. "Die Menschen heulen am Telefon, wenn wir keine Plätze mehr frei haben", heißt es in der Abteilung Jugendförderung. Insbesondere in der Innenstadt gebe es viele Alleinerziehende, die weder Zeit noch Geld für eine sechswöchige Feriengestaltung der Kinder hätten.

Radikale Einsparungen plant auch Tempelhof-Schöneberg: Es ist fraglich, ob es überhaupt noch Zuschüsse geben wird. Schon in den vergangenen Jahren waren die Gelder kontinuierlich zusammengestrichen worden. Ob Freie Träger künftig wenigstens Sach- oder Personalmittel bekommen, um Fahrten anbieten zu können, wird derzeit diskutiert.

Von 600 000 auf 300 000 Mark halbiert wurde der Posten für Ferienreisen bereits 2001 in Reinickendorf. Für 2002 sei im Etatentwurf nichts vorgesehen, bedauert Stadtrat Peter Senftleben (SPD). Er habe "keine Chance" angesichts der Geldnot, hofft aber, wenigstens ein "kleines Ferienprogramm" organisieren zu können. Selbst traditionelle Reiseziele wie Kühlungsborn, wo der Bezirk schon vor dem Krieg ein inzwischen rückübertragenes Grundstück besaß, könnten nicht mehr belegt werden.

In Neukölln ist die Finanzierung nach einer Überschlagsrechnung des Amtes für Jugendförderung von 610 000 Mark im vergangenen auf derzeit 569 900 Mark gesunken. Erhitzt hat die Gemüter vor allem die Diskussion über Privatisierung oder Verkauf des von Neukölln genutzten Jugenderholungsheimes Ella Kay in Kladow.

Steglitz-Zehlendorf konnte in seinen besten Zeiten 1400 Kinder auf die Reise schicken. 2002 werden es höchstens 450 sein. Außerdem soll die Erholungsimmobilie auf Schwanenwerder veräußert werden. Mit welchem Erfolg, bleibt abzuwarten, denn die benachbarte Immobilie Schönebergs wurde schon vor Jahren geräumt und konnte seither nicht verkauft werden.

Friedrichshain-Kreuzberg gab einst eine Million Mark für Ferienreisen aus, jetzt sind es noch 400 000. Dabei soll es auch 2002 bleiben. Die Altershöchstgrenze wurde von 18 auf 14 Jahre gesenkt.

Spandau will 2002 wieder draufsatteln, nachdem der Finanzposten 2001 fast halbiert worden war. Allerdings gilt hier wie für alle Bezirke, dass die Etats 2002 wegen der anstehenden Wahlen noch nicht beschlossen wurden.

Marzahn-Hellersdorf versucht, den Betrag von 2001 in 2002 zu halten. Das wären 600 000 Mark gegenüber 1,2 Millionen im Jahr 2000. Immerhin 32 Reisen mit 800 Plätzen unter anderem nach Frankreich, Holland, Spanien, Ungarn sowie an die Ostsee und Sachsen wurden hier 2001 bezuschusst.

Vorbei sind die üppigen Reisezeiten auch im Großbezirk Mitte. In diesem Jahr wurden 570 Kinder auf die Reise geschickt - nur unwesentlich mehr als 2000 allein in dem kleinen Altbezirk Mitte. Allerdings wird 2002 wieder leicht draufgesattelt, weil die Finanzlage etwas entspannter ist. Die traditionelle Erholungsstätte im brandenburgischen Kagel soll in Bezirksregie bleiben, verspricht Stadtrat Jens-Peter Heuer (PDS).

Zu den Bezirken, die bei der Kindererholung nicht sparen werden, zählt Charlottenburg-Wilmersdorf. Es will 2002 mit 603 000 Mark sogar 56 000 Mark mehr ausgeben als 2000. Zudem profitiert der Bezirk von der Stiftung des Komponisten Leon Jessel: Rund 90 000 Mark fließen so zusätzlich in die Förderung notleidender Familien.

Auch in Lichtenberg-Hohenschönhausen haben Kinder nächstes Jahr wieder gute Chancen, aus Berlin rauszukommen. Es ist beabsichtigt, denselben Betrag wie 2001, rund 300 000 Mark bereitzustellen. 2000 waren es allerdings noch rund 425 000 Mark. Auch hier wird diskutiert, die Erholungsimmobilie des Bezirks in Klein Köris an einen freien Träger zu übertragen.

Treptow-Köpenick gab einst 600 000 Mark aus, davon sind 385 000 Mark geblieben. "Tendenz: weiter abnehmend", sagt Stadtrat Joachim Stahr (CDU). Reisen ins Ausland seien längst Vergangenheit. Allerdings hat der Bezirk dieses Jahr speziell eine Reise mit 20 Plätzen finanziert für arme Familien in Krisensituationen.

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