Berlin : Urlaub zwischen Müritz und Kap Arkona lohnt jetzt im Winter wie im Sommer

Bernd Matthies

Schön ruhig jetzt überall. Wenn nur die übrig gebliebenen Urlaubstage nicht wären! Sie müssen aber weg bis März, sagt die Personalabteilung, und deshalb ist die Idee naheliegend, noch irgendwo einen Kurzurlaub anzuhängen. Nichts mit großem Herumfliegen, nichts mit langen Autofahrten. Rollkragenpullover und Regenjacke müssen in den Koffer, Schuhe gegen Regen und Bücher gegen eventuell auftretenden Überdruss am Nichtstun. Mecklenburg! Vorpommern!

Nun kriegen Sie nicht gleich einen Schreck. Das Bundesland droben im Norden hat wirklich allerhand zu bieten, gerade in der Neben-Nebensaison, wenn der Verkehrsfunk keine Schreckensmeldungen mehr sendet und die Zimmerpreise sogar an der Küste wieder im Bereich des Verschämten angelangt sind. Ja, ich wage sogar, Rügen vorzuschlagen, wenn es darum geht, gemütliche Plätze zu finden, wo Zimmer und Essen stimmen. Rügen? Das ist die Insel, die nach den ersten Jahren heftig unter die Räder des Massentourismus geraten war; man wundert sich, dass manche Orte - beispielsweise Binz - nicht allmählich unter der Betonlast im Ostseeschlick versinken wie einst Vineta. Für die feine Küche war da am Ende kein Platz mehr: Der einst im "Nordperd" auf den Titel des besten Insel-Kochs abonnierte Peter Knobloch resignierte und machte es sich als Berufsschullehrer gemütlich.

Nicht lange. Seit einigen Monaten steht er - zusätzlich! - wieder am Herd, weil er nun mal nicht anders kann, und der Herd steht im neuen Hotel "Meeresblick" in Göhren. Das ist ein angenehmes, dem familiären Charakter des Ortes angemessenes Haus, dessen Name nicht zu viel verspricht, ruhig, nett, mit einem kleinen Schwimmbad und einer Sauna - was man so braucht, wenn draußen der Wind pfeift. Das stärkste Argument für einen Besuch ist dennoch Peter Knoblochs Küche. Sie ist vor allem deswegen so gut, weil er intelligent genug ist, sich nicht an irgendwelchen Multi-Kulti-Sachen zu verheben, sondern die regionalen Spezialitäten ganz normal verarbeitet, sofern man handwerkliche Präzision und sorgsam dosierte Inspiration bei bodenständigen Preisen normal findet. Also kitzelt er den rituellen Dorsch mit einer kleinen Dosis Vanille in der Senfsauce, konfrontiert den Aal auf Linsen mit einer kräftigen Sauerbratensauce und legt zu "Himmel und Erde" zartrosa Geflügellebern. Der herzliche, bestens informierte Service von Christina Knobloch gibt der Sache die definitive Abrundung; dass sie wegen einer Erblast der Vorgänger gegenwärtig nur badische Genossenschaftsweine verkaufen kann, ist ihr fast ein wenig peinlich. Es soll sich demnächst ändern.

Das Gegenstück und Gegenteil dieses Hauses finden wir ein paar Kilometer entfernt im aufstrebenden Sellin, das sich langsam zur guten Stube der Insel entwickelt. In der edlen Wilhelmstraße hat gerade das, nein: der "Hotel-Park Ambiance" eröffnet. Lassen wir mal offen, ob der hochnäselnde Name nun das richtige Bild vermittelt - das Ensemble von fünf denkmalgeschützten, durch einen unterirdischen Gang verbundenen Häusern setzt zweifellos Maßstäbe. Dies könnte das Individualhotel der Insel werden, denn die stilvoll eingerichteten Zimmer und Suiten und der großzügige Badebereich lassen kaum Wünsche offen. Für die Küche wage ich noch keine Prognose, denn wir konnten bislang nur das Bistro ausprobieren, das sich mit Sachen wie Scampi auf Mittelmeergemüse mit Auberginenravioli oder Sesampoularde mit Tomaten-Couscous zu profilieren sucht - gute Profiarbeit, die dennoch ein wenig angestrengt wirkt dort draußen. Sehr gute, preisgünstige Weine.

So viel von Rügen. Wer die Anreise von Berlin richtig plant oder womöglich gar nicht zur Insel will, der könnte im Gutshaus Stolpe, westlich von Anklam, zum Stehen kommen. Dieses versteckte Hotel ist Tagesspiegel-Lesern nicht neu, doch seit meinem letzten Bericht ist hier eine völlig neue Mannschaft angetreten. Der Michelin-Stern ist erst einmal wieder weg, aber dafür sind durch Ausbau eines Stallgebäudes zusätzlich elf anheimelnde Zimmer und ein Sauna-Fitness-Bereich entstanden. Die Küche liegt in den Händen von Stefan Frank, der an ersten Adressen gelernt hat, eine interessante Karte bietet und zweifellos Vertrauen verdient. Wir mussten ihm aus Zeitgründen einen Korb geben und aßen mittags im nahen "Fährkrug", der zum Hotel gehört und stilgerecht karg restauriert wurde. Der Schweinebraten, das Krautgulasch im Brotlaib und die Kirschsuppe mit Quarknocken boten erstklassigen Geschmack zu Preisen einer besseren Kantine - verblüffend gut.

In Zingst, der Darß-Hauptstadt tut sich einiges. Das noch ganz frische Hotel "Meerlust" schmückt sich sogar mit dem Titel des ersten Wellness-Hotels der Ostseeküste. Das bedeutet: Pool und Saunaanlage machen was her, und drumherum rankt sich eine Reihe von Zusatzangeboten von Kosmetik bis Wassergymnastik. Freundliche Zimmer und Ferienwohnungen, der Strand nur ein paar Schritte entfernt gleich hinter der Dünenreihe - auch hier lässt es sich aushalten, zumal die persönliche Führung des Hauses den Abstand zu gesichtslosen Kettenbetrieben garantiert. Dies gilt auch für die Küche. Zander mit Kartoffelkruste auf Senfsauce, Lammrücken auf Bohnengemüse, eine leichte Terrine aus Ziegenfrischkäse und Lachs-Seeteufel-Carpaccio mit Wiesenkräutern geraten zwar längst nicht so souverän wie drüben bei Knobloch, sind ihr Geld aber dennoch wert - nur die Sprühsahne zu den Desserts nervte. Wenige, aber exzellent ausgesuchte Weine.

Weg vom Meer in die grüne Fläche. Wenn ich jetzt das Hotel mit dem Namen "Ich weiß ein Haus am See" in Krakow erwähne, dann gähnen Eingeweihte natürlich: kennen wir doch. Dennoch möchte ich Michael Laumen dafür loben, dass er sich auf den unverhofft frühen Michelin-Lorbeeren nie ausruhte, sondern unentwegt verfeinert und ausgefeilt hat. Zum fünften Geburtstag des Hauses am 9. Oktober zeigte er mit einem Gala-Menü, wo er gegenwärtig steht: recht weit oben. Die drei Geflügelleber-Parfaits, Hummer und Steinbutt auf Bouchot-Muscheln, Mousse vom Bachsaibling auf Muskatkürbis . . Alles stimmt, alles schmeckt. Umwerfende Weinkarte.

Laumen ist auf diesem Niveau in der Gegend nicht länger allein, denn es kam ein Konkurrent, hinter dem das ganze Geld der Jägermeister-Gruppe steht. Ja, dann ... Dennoch wäre es unfair, Karl Hamberger, den Küchenchef von Burg Schlitz, nur aufs Geld zu reduzieren, denn er muss nun wirklich nicht mehr beweisen, dass er kochen kann. Der rundliche Bayer, der in jeder Alpen-Saga als Hüttenwirt die Idealbesetzung wäre, hat bei Heinz Winkler gelernt, ergatterte seinen ersten Stern im Murnauer Alpenhof, und es wäre schon seltsam, könnte er diesen Erfolg nicht wiederholen. Ob rote Bete mit glasiertem Kalbsbries, Flusskrebse mit mariniertem Blumenkohl, Seeteufel mit roter Zwiebelkonfitüre, Lammrücken im Paprikamantel mit Ratatouille, Quarknocken mit Holunderkompott mit Vanilleeis oder die Joghurtsuppe mit, ja, Jägermeister-Sorbet - alles ist handwerklich perfekt auf sehr hohem Niveau. Und dann natürlich das Hotel selbst. Ach was: ein Schloss. Die Jägermeister-Leute sehen die 45-Millionen-Investition eher als eine Art Kultur-Sponsoring, denn mit 40 Betten lässt sich dieses Geld nie wieder hereinbekommen. Das klassizistische Schmuckstück ist extrem aufwendig restauriert worden, von den handbemalten Tapeten über die Holzfußböden und die noblen Maß-Möbel bis zu den wertvollen Teppichen und Gardinenstoffen. Weiter entfernt vom Hotel kann ein Hotel kaum sein, zumal in den riesigen Suiten. Auf dieser Stilebene wären Bade- oder Fitness-Gerätschaften ein Bruch, und deshalb gibt es sie nicht. Der geübte Gast durchwandert den riesigen Schlosspark oder stöbert in der Bibliothek, und für den kleinen Hunger vor dem Abendessen gibt es noch ein Bistro-Cafe, in dem die wohlschmeckende Jägermeister-Torte ebenso parat steht wie eine feine Terrine aus der Hand des Meisters.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben