Berlin : Ursula Albrecht (Geb. 1931)

60 Jahre tanzten sie zu diesem Lied, ihrem liebsten von allen.

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Karlheinz tritt an das offene Fenster. Es ist Frühling, Mai. Unten auf der Rathenower Straße läuft eine junge Frau, ihr helles Kleid bläht sich im Wind. Hinter ihr her hastet ein junger Mann, ruft, gestikuliert. Endlich hält die Frau an und dreht sich um. Der Mann erreicht sie atemlos. Stumm stehen sie einander gegenüber. Geben sich schüchtern einen Kuss. Karlheinz am Fenster muss lächeln. Er wendet den Kopf, zum Bett hin, will Ursula die kleine Szene erzählen. Aber das Bett ist leer.

Seit dem 28. April 2010, einem Mittwoch, ist das Bett leer. Monate lag Ursula darin, stand immer seltener auf, zu schwach von den Geschwüren in ihrem Körper. Kaum schaffte sie es noch, die Treppe hinabzusteigen, auf die Straße hinauszutreten, ihr Gesicht in das Licht, in den Wind zu halten.

An diesem Mittwoch im April betrat Karlheinz das Zimmer seiner Frau. „Wie geht es dir heute? Sind die Schmerzen stark? Soll ich dir ein Glas Wasser bringen?“ Ursula gab keine Antwort mehr.

Wenn wir uns im Tanze wiegen,/ Ist mir so, als könnt’ ich fliegen,/ Hoch zu den Sternen, zum Himmel empor!/ Tanzmusik und Glanz der Lichter,/ Macht mich selig und zum Dichter,/ Mir fällt ein Lied ein, das sing ich dir vor …

55 Jahre lebten Ursula und Karlheinz miteinander in der Rathenower Straße. 60 Jahre waren sie verheiratet. 60 Jahre tanzten sie zu diesem Lied, ihrem liebsten von allen.

Im Sommer 1948 begegneten sie sich im Erholungsdorf am Werbellinsee in der Schorfheide, Ursula, 17 Jahre, aus Biesdorf, Ost-Berlin, Schülerin, und Karlheinz, 20 Jahre, SPD-Mitglied und Betriebsratsvorsitzender aus West-Berlin. Sie heirateten und Ursula zog vom Osten zu Karlheinz in den Westen.

Ihr Hochzeitskleid, eine prächtige weiße Robe mit blütenförmigen Aussparungen am Dekolleté und den bis zum Boden reichenden Schleier hatte sie selbst genäht. Denn die Schneiderei hatte sie gelernt, war Gewandmeisterin. Sie entwarf und nähte die meisten ihrer Blusen und Röcke und Jacken und arbeitete später als Stoffverkäuferin im KaDeWe.

1961 wurde die Mauer gebaut, ein Schreck für Ursula und für ihre Eltern, die noch in Biesdorf lebten, für die es unvorstellbar war, nicht mehr bei der Tochter zu sein. Sie stellten einen Antrag, der nach einigen Jahren des Ausharrens bewilligt wurde und folgten ihr nach West-Berlin.

Karlheinz und Ursula hatten einen Sohn, Rainer. Eines Tages legte Karlheinz ein Schachbrett auf den Wohnzimmertisch, stellte die schwarzen Figuren auf die eine, die weißen auf die andere Seite, rief seinen Sohn und spielte eine erste Partie mit dem Kind. 14 Tage lang erklärte Karlheinz alle Spielzüge und Kniffe, die er kannte. Nach den 14 Tagen gab es nichts mehr, was er seinem Sohn noch hätte beibringen können.

Rainer spielte von jetzt an nicht mehr am Wohnzimmertisch, sondern in einem Verein, brachte es weit, bis zum Berliner Jugendmeister, entwickelt heute Schachprobleme für Zeitschriften, übersetzt Schachbücher ins Englische. Ursula staunte über ihren Sohn und war stolz. Hätte aber so gern eine Schwiegertochter gehabt, wartete auf ein Enkelkind. „Aber Rainer ist mit dem Schach verheiratet“, versuchte Karlheinz sie aufzumuntern.

Glücklich waren beide auch so. Sie verreisten viel, auf die Balearen und die Kanarischen Inseln, in die Schweiz und immer wieder zu Kuren ins bayrische Bad Tölz. Ursula nahm Zeichenunterricht, malte japanische Frauen in Kimonos und Mädchen in luftigen Kleidern, die sie an die Wände ihrer Wohnung hängte.

Mir fällt ein Lied ein, das sing ich dir vor: Ich tanze mit dir in den Himmel hinein, / In den siebenten Himmel der Liebe. / Die Erde versinkt, und wir zwei sind allein, / In dem siebenten Himmel der Liebe./Komm’ lass uns träumen bei leiser Musik/ Unser romantisches Märchen vom Glück,/ Und tanze mit mir in den Himmel hinein,/ In den siebenten Himmel der Liebe.

Am 27. Mai 2010, während der Trauerfeier, spielte ein Violinist das Lied auf dem Friedhof Ruhleben. Für Ursula. Und für Karlheinz. Tatjana Wulfert

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