Berlin : Ursula Bohn, geb. 1907

Kerstin Decker

Doktor der Philosophie wurde sie 1938. Ihr Thema hieß "Bild und Gebärde bei Adalbert Stifter". Stifter, der Dichter des "Nachsommers". Dass sie jetzt noch über solche Jahreszeiten nachdachte! Länger die Schatten, tiefer die Farben, trügerisch die Wärme. Waren das schon Hinweise? Noch lebte sie in der Bohn-Welt. Die Bohn-Welt war viel älter als die neue deutsche Kälte-Welt. Die Bohn-Welt entstand, als ihr Vater das schöne Haus in der Friedelstraße in Neukölln bauen ließ. Und in den Hinterhof hinein die Klaviatur-Fabrik. "Bechstein", der Kaiserliche Hoflieferant, bekam ab sofort Bohn-Klaviaturen. "Bechstein" hieß noch Kaiserlicher Hoflieferant, als es schon keinen Kaiser mehr gab. Die Zeit der Kunst und die Zeit der Welt sind eben grundverschieden. Sind sie? Am Sonntag fuhr man mit dem Wagen nach Strausberg, einmal im Jahr nach Karlsbad zur Kur. Ein ewiger Nachsommer. Aber Rilke liebte Ursula Bohn doch noch ein wenig mehr als Stifter. Rilke und Hölderlin. Einem Land, das solche Dichter hat, konnte nichts geschehen. "Wo die Gefähr wächst, wächst das Rettende auch." Hölderlin.

Als Ursula Bohn Doktor der Philosophie wurde, verlor ihre Freundin die Arbeit. Lucie Adelsberger war Kinderärztin. Sie hatte Ursula Bohn als junges Mädchen von einer lästigen Allergie befreit. Und so eine sollte nicht mehr arbeiten dürfen? Die Regierung erklärte dem Volk, dass Juden am "gesunden deutschen Volkskörper" künftig nichts mehr zu diagnostizieren oder gar zu operieren hätten. Lucie Adelsberger war Jüdin.

Höhere Töchter sind oft sehr eigensinnig. Wenn sie gar promoviert haben, neigen sie überdies zu logischem Denken. Wer nicht mehr arbeiten darf, folgerte messerscharf die Doktorin der Germanistik, braucht dringend Hilfe. Geld, auch Lebensmittel. Sie selbst blieb Lucie Adelsbergers Patientin, denn von wem sollte sie sich behandeln lassen? Etwa von den vielen Ariern, die vor Jahren ihre Jung-Mädchen-Allergie nicht erkannt hatten? Aber dann, Anfang Januar 1943, stand Lucie Adelsberger plötzlich auf der Deportationsliste. Ziel: Osten. Die Fabrikantentochter Ursula Bohn kaufte die Freundin von der Berliner Deportationsliste herunter. Und noch einmal zahlte Ursula Bohn, kurze Zeit später. Noch einmal wurde Lucie Adelsberger von der Deportationsliste gestrichen. Im Mai zahlte sie ein drittes Mal. Aber jetzt wurde der Name Lucie Adelsberger nicht gestrichen. Im Mai 1943 fuhr die jüdische Kinderärztin nach Auschwitz. Ursula Bohn hörte lange nichts mehr von ihr. Wusste nicht, dass die Freundin nun Ärztin war im "Zigeunerlager" von Auschwitz, dass sie jeden Tag die Schornsteine des Krematoriums sah, dass sie schließlich auf den Todesmarsch nach Ravensbrück geschickt wurde - und überlebte.

Ursula Bohn hatte noch eine jüdische Freundin. Sie hieß Henny Frankenschwert. Ihr Bild stand bis zuletzt auf Ursula Bohns Schreibtisch. Henny Frankenschwert und Ursula Bohn liebten gemeinsam Stifter, Rilke und Hölderlin. Es war eine "Dichterfreundschaft". Dann musste auch Henny Frankenschwert nach Auschwitz. Sie kam nie zurück.

Vor sechs Jahren fand Ursula Bohn, dass es nun Zeit für sie sei. Genug gelebt. Mit der ihr eigenen Willensstärke legte sie sich ins Bett und dachte, man müsse ja nichts weiter machen, einfach nur liegenbleiben. Das tat sie - bis die Polizei die Wohnung aufbrach. Es war immer noch jene in der Friedelstraße, die sie schon als Mädchen kannte. Nur die Klaviaturfabrik im Hinterhof war längst pleite und das schöne Haus verkauft. Ursula Bohn wird es sicher bemerkt haben, aber sie fühlte sich von solchen Begebenheiten eher gestört. Überhaupt interessierte sie sich wenig für Dinge, über die sich andere Menschen Gedanken machen. Schon als Studentin lernte sie jeden Morgen beim Anziehen ein Gedicht, um die Zeit, die der Mensch mit so ungeistigen Tätigkeiten verbringen muss, irgendwie zu nutzen. Später konnte ihre Familie von Enkeln oder einer neuen Arbeit erzählen, und sie fuhr dazwischen: "Was wisst ihr denn schon, die ihr nicht dabei gewesen seid - wo doch auch ich nur an den Rändern angebrannt bin. Wie könnt ihr so weiterleben, als wäre nichts geschehen? Wie kann man nur so unbeteiligt sein gegenüber diesem Volk, so wenig von ihm wissen!" Die alte Frau sprach von den Juden. Innerfamiliär hieß sie "die kantige Tante".

Es gab keinen Nachsommer mehr für Ursula Bohn. Kein Tag schien vergangen, seit Henny Frankenschwert in Auschwitz starb. Und ihre Freundin Lucie Adelsberger schrieb in Amerika ein Buch, das "Auschwitz" heißt. 1956 hat Ursula Bohn es in Deutschland herausgebracht. Da war sie noch Lektorin, bevor sie lebenslange Mitarbeiterin am "Institut für Kirche und Judentum" wurde. In der Sozialstation, die sie seit ihrem Einfach-im-Bett-Liegenbleiben-Versuch regelmäßig besuchte, nannten sie manche: "Die alte Frau, die die Juden liebt". Es war wichtig für einen Sozialarbeiter, um diese Liebe zu wissen. Unmöglich, am Freitagnachmittag zu kommen, wenn im Radio der Schabbat-Gottesdienst übertragen wurde. Aber nicht nur störenden Mitmenschen, auch Gott gegenüber konnte Ursula Bohn sehr ungehalten sein. Manchmal hat sie ihn angeschrien. Es war der protestantische Gott ihrer Jugend und der Gott der Juden zugleich. Ursula Bohn hatte eine eigene Theologie. Den armen Juden Jesus ließ sie gelten. Aber Auferstehung? Was ist das denn für eine Idee? Wenn schon, dann doch bitte nicht einer vorweg. Wenn schon, dann doch alle!

Dass die Sozialarbeiter zu ihr kamen, hatte auch gute Seiten, selbst wenn sie große Unordnung in ihren Alltag brachten. Ursula Bohn fand neue Freunde. Eine junge Türkin, den Regisseur Stefan Hayn und seinen Freund, den Germanisten Hartmut Ammon. Endlich jemand, mit dem sie über Rilke reden konnte. Vielleicht sogar auch über die Offenbarung Gottes in den jüdischen Gleichnissen. Im Schlafsack wollte der junge Germanist bei ihr bleiben, als es Ursula Bohn plötzlich nicht gut ging, und sie Angst hatte vor dem Alleinsein nachts. In seinen Armen ist sie gestorben.

Auf dem Küchentisch und am Bett lagen Rilkes "Duineser Elegien". Lucie Adelsbergers "Auschwitz"-Buch ist soeben ein zweites Mal erschienen.

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