Berlin : Ursula Engler (Geb. 1945)

Sie wollte nicht entdeckt werden. Und irgendwann dann doch

von

Wedding, April 1945. Ein verlassener Kinderwagen. Voll mit gefüllten Weckgläsern. Mittendrin das Kind. Ein russischer Soldat findet den Kinderwagen und schiebt ihn ins nächste Krankenhaus. „Katja“, tauft er das Kind im Weggehen. Vielleicht in Erinnerung an das eigene. Der Geburtstag des Mädchens wird behördlich auf den 1. März 1945 datiert. Sein Name in Ursula geändert. Eine Suchanzeige liegt nicht vor. Eltern oder Verwandte melden sich nicht. Ursula wird zu einer Ziehmutter gegeben. Aber die Nachforschungen gehen weiter. Immer, wenn Ursula für den Fotografen des Suchdienstes vom Roten Kreuz posieren muss, schaut sie besonders böse. Sie will nicht entdeckt werden.

„Jedes Kind braucht einen Engel, der es schützt und der es hält“, singt Klaus Hoffmann, der Liedermacher, dem Ursula ein Leben lang die Treue hielt. Frau Wolf, ihre Ziehmutter, war nicht gerade ein Engel, eher eine Weddingerin der rustikalen Art. Waschlappen und Zahnbürste mussten versteckt werden. „Opa is’ auch 90 geworden ohne Zähneputzen!“ Aber es war ein Zuhause. Als sie 18 wurde, zog Ursula aus und heiratete. Das Beste an der Ehe war ihre Tochter. Sie taufte sie Katja, ohne zu wissen, dass Katja einmal ihr eigener Name gewesen war. Das sollte sie später aus den Akten des Roten Kreuzes erfahren.

Die Vergangenheit war fern. Dass sie ein Findling gewesen war, machte ihr weniger Sorge; sie wollte ihre Zukunft auf die Reihe kriegen. Mit Kind, aber ohne Mann. Sie schulte um, von Großhandelskauffrau auf Arzthelferin. Uschi, wie sie von allen gerufen wurde, arbeitete im Gesundheitszentrum Gropiusstadt. Sie konnte gut mit den Patienten, denn sie ließ die Patienten nah an sich heran. Alle Menschen ließ sie nah an sich heran. Sie war ständig im Kiez unterwegs, in ihrem Kiez, Kreuzberg. Die Alte Markthalle, die vielen kleinen Läden, am liebsten jene, in denen Bücher, bunte Bänder oder Hüte verkauft wurden. Am besten alles auf einmal. Sie hat mit jedem gequatscht. Scheu kannte sie keine, aber eine große Wut gegen Ungerechtigkeit. Sie war Gefühlssozialistin, Gefühlsseelsorgerin, und stand immer sehr aufrecht, wenn es galt, am 1. Mai für eine gerechtere Welt einzutreten. Beim Tanzen wurde sie dann umgehend lockerer.

Uschi war beliebt. Sie hatte das große Talent, Freundschaften zu bewahren, weil sie gern Fragen stellte. Sie blieb neugierig, aufrichtig neugierig; folglich wurde ihr nie langweilig. Alte Hüte mochte sie nur, wenn sie auf ihren eigenen Kopf passten. Die Haare darunter Henna. Die Halstücher farbenfroh, der Leopardenmantel im Winter: echt gewebt. Luxus brauchte sie nicht. Wenn sie von Kreuzfahrten träumte, dann auf der „Philippa“ im Urbanhafen, und direkt daneben, auf dem Restaurantschiff „Van Loon“; da hat sie geheiratet.

Ursula hatte unheimliches Glück, dass sie Ulli fand. Uschi und Ulli, das passte wie gereimt: „Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht“. Einer der Schlager, den sie besonders gern trällerte. Erst wollten sie ja gar nichts miteinander zu tun haben. Er: „Eigentlich würd’ ich mich gerne verlieben. Aber im Grunde ist mir alles zu doof.“ – Sie: „Kannste nich’ mal vorbeikommen? Meine Waschmaschine ist kaputt?“ Nach einem Jahr sind sie zusammengezogen. So romantisch der Auftakt, so stürmisch die Beziehung zuweilen. Er triezte sie gern mit spießigen Sprüchen, sie bemalte ihm zum Dank die Küchenwand mit Ketchup. Es war Liebe: „Weil du nicht bist wie alle andern, weil man dich niemals kaufen kann, weil mit dir tausend Sterne wandern, weil du auch Wölfin bist und Lamm.“ Sie gehörten zusammen, aber sie waren nicht von der Gattung der klammernden Vierfüßler.

Im Winter bekam sie immer ihren Winterblues, und an Weihnachten dachte sie immer häufiger daran, dass es da draußen ja womöglich noch Familie gab. Sie tanzte nach der Pensionierung in der „Dance Company“, wollte gesehen werden, trat in der „RBB Abendschau“ auf, forschte im Landesarchiv, aber die meisten Akten waren kurz zuvor vernichtet worden. Sie wollte entdeckt werden. Sie wollte auch den Soldaten wiederfinden, der ihr das Leben gerettet hatte. Sie hat ihn nicht gefunden.

Auf Ulli hat sie bis zuletzt gut aufgepasst, sie schickte ihn zur Vorsorge, umsorgte ihn nach der gelungenen Operation. Sie selbst hatte weniger Glück. Lungenkrebs, Aorta-Riss, Schlaganfälle, das letzte Jahr war nicht schön, auch wenn sie wenige Wochen vor ihrem Tod noch Hoffnung schöpfte. „Bis gleich …“, so verabschiedete sie sich immer am Telefon. „Wir sehen uns wieder“, bekräftigte ihre Freundin.

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