Berlin : Ursula Huth (Geb. 1931)

Als die Schwiegermutter samt Kater einzog, zeigte sie Nervenstärke.

Stephan Reisner

Ihr Vater, ein preußischer Postbeamter, hätte sie lieber nach der mittleren Reife bei der Post untergebracht. Aber sie wollte Lehrerin werden, von Anfang an.

Ein Pressefoto aus den späten siebziger Jahren zeigt sie vor einer Schultafel neben dem Präsidenten des Abgeordnetenhauses von Berlin, Peter Lorenz. Sie sieht aus wie eine Schülerin, die ausgezeichnet wird. Dabei ist sie die Lehrerin. Freundlich lächelt sie an der Kamera vorbei – halb bescheiden, halb belustigt über so viel Öffentlichkeit. An ihrer Schule wurde gerade ein neues Integrationsmodell ausprobiert.

Dass sie von den Schülern gemocht und respektiert wurde, lag an ihrer mütterlichen Wärme, durchwirkt mit einer Spur preußischer Autorität. Tanzte ein Schüler ihr dennoch auf der Nase herum, wuchs sie in Sekundenschnelle über ihre zarten 164 Zentimeter hinaus.

Ihren Mann lernte sie als Referendarin kennen. Er war bereits Lehrer an der Schule, ein junger engagierter Pädagoge. Seine aufgeklärte, unaufgeregte Art gefiel ihr. Andererseits wunderte sie sich: Mehr als eine Dreiviertelstunde ließ er sie bei ihrer ersten Verabredung in der Kälte warten. Das unschuldige sonnige Freudestrahlen, das er zur Begrüßung mitbrachte, taute sie im Nu wieder auf.

Als die Schwiegermutter samt Kater mit einzog in die erste gemeinsame Wohnung, zeigte sie Nervenstärke. Die Reinlichkeitsvorstellungen gingen auseinander. Manchmal hörte sie Sprüche wie: „Nur Jungs taugen etwas, Mädchen nicht.“ Da wurde sie zur Löwin.

Ihr zweites Kind starb nach nur einem halben Jahr an den Folgen einer Toxoplasmoseinfektion. Den Erreger hatte der Kater eingeschleppt. In solchen Schicksalsmomenten blieb sie stark und blickte nach vorn. Als sie zwei Jahre später ihr drittes Kind gebar, war die Welt wieder in Ordnung. Einmal schoss sie in Sorge um ihren Sohn über das Ziel hinaus. Er kam, von zwei Freunden gestützt, arg verspätet und sturztrunken vom Rudern nach Hause. Aus Wut und Erleichterung rutschte ihr die Hand aus.

Anfang der Achtziger der nächste Schicksalsschlag: Sie, die so gerne tanzte und Sport trieb, erkrankte an einer selten Form der Tuberkulose. Die Krankheit setzte sich in ihrem Rücken fest; ein halbes Jahr lang zwangen die Ärzte sie ins Gipsbett. Wie eine lebendige Tote blickte sie tagein, tagaus an die Zimmerdecke. Aus dem Folterbett entlassen, lernte sie neu laufen und zwängte sich monatelang in ein Stützkorsett. Dass sie anschließend nicht mehr in den Schuldienst zurückdurfte, traf sie am härtesten.

Was blieb? Kreatives Frühpensionieren! Sie optimierte Rezepte und lud regelmäßig die Lehrerkollegen des Mannes zu ausgreifenden Abendessen ein. Wenn sie schon nicht mehr zur Schule durfte, dann musste die Schule eben zu ihr.

Ihr Missfallen über ausbleibende Gegeneinladungen und andere kleine Taktlosigkeiten der Freunde und ehemaligen Kollegen äußerte sie zuweilen ziemlich direkt: „Du kannst mir den Buckel runterrutschen!“ Ihren verwaisten, erwachsenen Neffen lud sie über Jahre zum Sonntagsessen ein. An seinem selbstgenügsamen Junggesellentum wäre sie fast verzweifelt. Einmal nur eine kleine Aufmerksamkeit für die vielen Einladungen, das hätte sie glücklich gemacht.

Einen Vorteil hatte die Frühpensionierung: Als auch ihr Mann in den Ruhestand ging, begannen sie sogleich ein genussvolles, symbiotisches Pensionistenleben. Sie reisten an Orte, die sie sich vorher nicht leisten wollten, und traten überzeugter denn je für ihre bürgerlichen Ideale ein. Dazu zählten nicht nur Pünktlichkeit und die geheiligte Mittagsruhe, sondern auch das Kartenschreiben. 30 Ansichtskarten pro Reise – das war kein Aufwand, sondern eine lustvolle Pflicht.

Zwei Jahre brauchte Ursula Huth, um den Tod ihres Mannes vor vier Jahren zu verkraften. Die Symbiose wirkte weiter. Sie starb jetzt an derselben Krankheit wie er. Gegenüber der Schule, an der sie sich kennenlernten, liegen sie begraben. Stephan Reisner

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