Berlin : Ursula Junggeburth (Geb. 1919)

„Ich hatte großes Glück, kam nie mit leeren Händen zurück“

Zusammengefügt von Gregor Eisenhauer

Ihr Leben, von ihr selbst gereimt, erzählt von frohen und von dunklen Tagen, und wie sich alles doch gefügt, dank ihrem sonnigen Gemüt:

„Aber oft Gefühle und Verhältnisse täuschend sind, war ich kein erwünschtes Kind. Meine Mutter sorgenvoll die Hände rang, denn nun war es ihr um einen Arbeitsplatz bang! Musste darum ihr Kind in ein Waisenhaus geben und so begann mein Leben.

Zur Schule ging ich sehr gern, besonders Musik war für mich wie ein leuchtender Stern. Später hörte ich, dass mein leiblicher Vater als Musiker auf den Brettern stand und Singen und Spielen sicher mich mit ihm verband!

Mit 14 Jahren der Ernst des Lebens begann, ich fing mit Hauswirtschaftslehre und Kinderpflege an. Die Ausbildung war damals echt wichtig, dann lagst du später als Frau fürs Leben richtig. Da mir Bleistift und Papier immer gefiel, war die kaufmännische Laufbahn mein ersehntes Ziel. Über 50 Jahre lang war hauptsächlich Schreibmaschine schreiben mein Berufsleben – als Sekretärin, das heißt, fehlerfrei und ohne Beanstandungen tippen – und mit Stolz kann ich sagen, konnte meine zehn Finger flink bewegen, ein erfülltes Glück und wahrer Segen.

Es war an einem Sonntag – vor der Kirche sprach mich ein großer, schlanker, junger Mann an, ob er sich mit mir treffen kann? Ich sagte: ,Treffpunkt auf der Straße – nein’ und lud ihn zum Nachmittag in mein Elternhaus ein.

Aber Glück und Glas wie leicht bricht das! Als junge Mutti blieb ich allein - vorbei waren Freude und Sonnenschein! Es war Kriegszeit und mein lieber Mann stellte sich bereit, als Soldat der Nachrichtentruppe nach Afrika zu gehen und unter dem Befehl des Feldherrn Rommel zu stehen.

Mein Mann kam aus Afrika zurück, wurde aber dann nach Russland kommandiert und ich hatte neun Monate lang gespürt, dass ich in dieser schweren trostlosen Zeit zur Mutti von zwei Kindern auserkoren, denn im Mai 1943 wurde Bärbelchen geboren.

Unter schwersten Bombenangriffen war dann endlich im Mai 1945 der Krieg aus. Im Keller war es auf einmal ganz still, keiner traute sich, herauszugehen und nachzusehen. Ich nahm mein Herz in die Hand, auf einem Panzer mich winkend ein russischer Soldat empfing. Mit einem Brot kehrte ich in den Keller zurück und rief: ,Leute kommt raus, der Krieg ist wirklich aus!’

Es fing an die große Not, stundenlang standen wir an nach einem Stückchen Brot, um diese nicht so hart zu spüren, hieß es organisieren.

Kinderkleidung konnte ich leider nicht auftreiben, so mussten die Kleinen oft spielend in ihrem Bettchen bleiben. Hatte ich kein Brot, machten Kartoffelpuffer mit Lebertran gebacken ihre Wänglein rot. Es war der reinste Wahn – ganze Straßenzüge stanken nach Lebertran!

Nach Kriegsende hatte ich bald als Trümmerfrau angefangen, morgens sind meine Kleinen allein durch den Park zum Kindergarten gegangen.

Ende 1945 ist unser Papa aus Gefangenschaft nach Hause gekommen und hätte gern gleich seinen Dienst bei der Reichsbahn aufgenommen. Aber wie sah er aus? Den ganzen Körper hatte er im Bergwerk zerschunden. Aber ich hatte einen großen Sanitätskasten gefunden und konnte behandeln seine vielen Wunden. Die Familie war gut dran, der Ernährer trat wieder seinen Dienst an.

Im August 1947 wurde unsere Geli geboren und wir für eine Zweizimmerwohnung im Vorderhaus auserkoren. Wollten in der neuen Wohnung glücklich sein, aber leider – es regnete rein.

Kam ich dann nach Mitternacht vom Hamstern nach Haus, gab es für die ganze Familie einen guten Schmaus. Ständig Scherereien mit der Volkspolizei, uns alles abzunehmen, waren sie schnell dabei. Ich hatte großes Glück, kam nie mit leeren Händen zurück.

Hatte im Verlag Tribüne einen guten Arbeitsplatz, die Stelle war für mich ein unbezahlbarer Schatz! Auf der Schreibmaschine Manuskripte schreiben war für mich wie Bücher lesen, über die viele Arbeit war ich nie böse gewesen.

Wolfgang, Bärbel und Geli waren aus dem Gröbsten heraus, da schaute im Mai 1956 Pati in unser Haus. Über neun Pfund schwer, wo nahm ich mit 37 Jahren für dieses große, schöne Baby die Kraft nur her?

Über die Nacht wurde die DDR eingegrenzt und ummauert. SED-Spitzel hatten darauf gelauert, wie wird die Stimmung unter der Bevölkerung sein – ein falsches Wort und man sperrte dich ein. So musste auch ich von Mann und vier Kindern weggehen. Die Kleinste – fünf Jahre alt – musste zusehen, wie man mich mitnahm, stellte sich auf einen Stuhl dann und rief: ,Meine Mutti hat niemandem etwas getan!’

Ich hatte mich mit dem Urteil ,14 Monate’ abgefunden, doch nach acht Monaten erlebte ich überraschende Stunden. Konnte vor Freude kaum denken, schnellstens meinen Weg in die Heimat zu lenken.

50 Jahre lang hab ich an der Schreibmaschine gesessen – diese lange Zeit kann man nicht ermessen. Mit 71 Jahren habe ich dann endlich ,Ade’ gesagt, solch alte Sekretärin war in der neuen Ära nicht mehr gefragt! Weiterhin habe ich es mir zur Aufgabe gemacht und jeden Tag an eine gute Tat gedacht. Mit meinem Gitarrenspiel und Singen möchte ich auch im Alter anderen Freude bringen. Es müssen keine Wunder sein, schon ein freundliches Wort bringt Sonnenschein!“ Zusammengefügt

von Gregor Eisenhauer

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