Berlin : Ursula Krumhaar-Bobrowski, geb. 1920

Ulrike Demmer

Das Leben war ein paar Nummern zu schwer und zu ernst." Als Ursula Krumhaar-Bobrowski das sagt, ist sie fast 70 Jahre alt. Sie ist in die Volksbühne geladen, um von ihrem Leben zu berichten. "Ich habe mich immer auf eine Zeit gefreut, die nicht mehr so ernst ist und auch nicht mehr so schwer. Aber es ist ein ganzes Stück ernster geworden und ein ganzes Stück schwerer." Die stolze Frau mit dem Pagenkopf und den eleganten Kleidern sagt es nicht weinerlich. Eher nüchtern. Ursula Krumhaar-Bobrowski bewahrte Haltung. Ihr Leben lang.

Mit 24 Jahren verlor sie zum ersten Mal alles. Auf der Flucht musste sie das große Haus zurücklassen, das Porzellan, aber vor allem ihr Ostpreußen. Die Heimat, die sie so liebte. In einem Flüchtlingslager wurde ihr zweites Kind scheintot geboren. Es war wie ein Wunder, als das Kind doch lebte. Nach dem Krieg wurde sie wieder schwanger. Dieses Mal kam das Baby tot zur Welt. Dann starb ihr Mann - der Erste. Zweimal hat sie noch geheiratet. Aber auch diese beiden Männer starben früh. Die herrschaftliche Villa in Gotha, das Erbe ihres dritten Mannes, war nach 15 Jahren Ehe ihr Zuhause. Trotzdem musste sie gehen. Die DDR erhob Ansprüche. Ursula Krumhaar-Bobrowski ging nicht zu Grunde. Sie kämpfte.

Wie auf der Flucht aus Ostpreußen, damals im Zug. Mager und krank war sie da. Aber ihr Kind lebte - und sie war eine der wenigen, die Milch hatte. Viele Frauen bettelten, sie möge auch deren Kinder stillen. Sie lehnte ab. Ursula Krumhaar-Bobrowski wollte das eigene Kind retten. Das Geschrei der verhungernden Babys ist ihr nie wieder aus dem Kopf gegangen. Die Gesichter der Mütter, die ihre toten Babys aus dem fahrenden Zug werfen mussten, konnte sie nicht vergessen. Ihr Leben ging weiter. Und Ursula Krumhaar-Bobrowski wollte leben.

Als Kunststudentin in Berlin hatte sie Flugblätter für den Widerstand gedruckt. Jetzt entschied sie, wen sie heiratete - den Pfarrer, den Ingenieur, den Arzt. Sie war das Familienoberhaupt. Wer mit ihr harmonisch leben wollte, musste nachgeben. Sie allein wusste, was richtig und was falsch war. Sie sprach am Mittagstisch das Gebet. Wurde sie beim Metzger nicht sofort bedient, sagte sie mit zuckersüßer Stimme, dass sie wohl eine lästige Kundin sei, aber dennoch darauf bestehe, Aufmerksamkeit zu bekommen. Die Metzgersfrauen waren bald sehr zuvorkommend. Von den Tränen und der Bitterkeit, die an ihr nagte, wusste nur die Tochter. Da ist ihr hin und wieder dieses "Warum ich ?" herausgerutscht. Vor ihren Enkeln hat sie sich nie beklagt. Wenn die Erinnerungen, das Heimweh nach Ostpreußen sie wieder einholten, dann sagte sie sich: "Ich muss jetzt glücklich sein. Anderen geht es viel schlechter als mir." Sie konnte nie an Bettlern oder Zigeunern vorbeigehen, ohne ihnen Geld zu gegeben. Diese Menschen waren wie sie, heimatlos. Den Glauben an Gott gab Ursula Krumhaar-Bobrowski nie auf. Er war ja nicht verantwortlich für ihre Vertreibung. "Die Deutschen haben angegriffen, das darf man nie vergessen", sagte sie immer.

Wenn sie Ostpreußen schon nicht wiederhaben konnte, dann doch wenigstens die schönen Möbel. Sie sammelte Antiquitäten, bis auch das letzte Stückchen Wand zugestellt war. Gegessen wurde bald wieder von Meißner Porzellan, und dank ihrer Nähkünste musste sie auch auf elegante Kleidung nicht verzichten. Fotos von Ursula Krumhaar-Bobrowski sahen aus wie die Autogrammkarten eines Filmstars. Schnappschüsse ließ die schöne Frau nicht zu.

Nahezu perfekt wurde das Leben an der Seite ihres dritten Mannes. Der Arzt, den sie 1971 heiratete, war ein belesener Mann. Mit ihm konnte sie sich über Thomas Mann, Goethe und Schiller unterhalten. Besuche im Theater und in der Oper gehörten wieder zum Alltag. Am Samstag kam die Familie zum Essen, nach dem Dessert wurde musiziert. Sie hat es genossen. Nach dem Tod ihres Mannes drängte die DDR auf Herausgabe des Anwesens und der Privatklinik. Widerstand war sinnlos. Also verließ sie ein letztes Mal ihr Zuhause und ging nach Berlin. Im Juli stirbt Ursula Krumhaar-Bobrowski. Vor dem Tod hatte sie keine Angst gehabt. Dafür war sie ihm zu oft begegnet.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben