Berlin : Ursula Micheel (Geb. 1951)

Man übersieht, dass sie sich kaum bewegen kann.

Tatjana Wulfert

Eine Fotografie, darauf der Kopf einer Frau, ihre Schultern. Glatte braune Haare umrahmen das runde Gesicht, hinter den äußeren Rändern der Brille verlaufen zarte helle Rinnen hin zu den Schläfen. Lachfalten. Das Porträt einer agilen Frau um die vierzig. Hätte der Fotograf die Kamera nur ein wenig tiefer gehalten, wäre der Rollstuhl sichtbar geworden.

Ein Sommerfest: Die Frau in ihrem Rollstuhl. Ein Mann läuft vorüber, fragt, ob sie ein Stück Kuchen, einen Kaffee möchte. Ja, gern, antwortet sie, der Mann stellt ihr einen Teller, eine Tasse auf die an den Rollstuhl montierte Plexiglasplatte, läuft weiter. Kuchen und Kaffee bleiben unberührt.

Der Mann ist kein Ignorant. Er sieht, die Frau sitzt im Rollstuhl. Aber er übersieht, dass sie sich kaum bewegen kann. Von der Frau geht etwas aus, dass den Mann denken lässt, sie sei beweglich.

Ulla ruft dem Mann nicht hinterher, bittet um Hilfe nur wenige Vertraute. Ein schneller, unauffälliger Blick, vorbei an den in kleinen Gruppen beisammenstehenden Menschen, hin zu einer Freundin, die den Blick auffängt und Ulla dann beim Essen und Trinken hilft.

Wenige Zentimeter nach rechts und links kann Ulla ihren Kopf drehen, nur knapp über der Tischplatte die Hände halten. Ullas Hände. So schmal und schön und gepflegt liegen sie vor ihr, greifen langsam tastend nach dem schnurlosen Telefon, der Fernbedienung für eine Tür, einem Stift. Mit dem Stift schreibt sie Karten, ungezählte, setzt mit leichtem gleichmäßigen Druck die Buchstaben nebeneinander, jeder einzelne sorgfältig ausgeformt, jede einzelne Karte ein Geschenk für den Empfänger, spürt er doch deutlich, Ullas Worte, ich wünsche Dir Gottvertrauen und kluge Gedanken, meinen tatsächlich ihn.

Seit 1969 sitzt sie im Rollstuhl, krank ist sie von Geburt an. Damals, als sie ein Kind war, in Müggenburg auf dem Darß, als die Ärzte den Eltern diesen Satz ins Gesicht hinein sagten, 20 Jahre wird ihre Tochter vielleicht leben, läuft sie mit an den Beinen befestigten Stützen die Dorfstraße entlang. Ihre Muskelkraft schwindet, stetig. Ulla stemmt sich gegen den Verfall, mit einer Stärke, die den Gesunden das eigene Leben oft matt und mutlos erscheinen lässt. Woher nimmt sie die Kraft? Da ist ihre Familie, die Eltern, die Schwester vor allem, die Söhne der Schwester, „meine Jungs“. Und da ist ihr Glaube an Gott. Seit 1996 wohnt Ulla im evangelischen Johannesstift in Spandau, in einer Wohngruppe, arbeitet auch dort, als Vorsitzende des Bewohnerrates, im Gemeindekirchenrat, organisiert ihr Leben, selbstständig, selbstbestimmt, strukturiert ihren Tag bis ins Detail. Ulla, hast du mal einen Zettel?, fragt die Freundin. – Ja, in der dritten Schublade rechts, der zweite Stapel links. Unabhängigkeit fällt nicht vom Himmel.

Behinderte und sogenannte Nichtbehinderte, Roller und Latscher, sollen einander nicht aus dem Weg gehen, Ulla reist, zusammen mit einem Latscher, in die französischen Pyrenäen, eine beschwerliche Fahrt im Auto, 2000 Kilometer, in dem Glück, auf die Berge zu schauen, verliert ihr Körper jedes schmerzliche Gewicht.

Ulla möchte Schwellen überwinden, in den Köpfen, an den Türen, auch denen der Kirche. Viermal im Jahr gestaltet und leitet sie die „Kirche ohne Schwellen“, sitzt vorn, neben dem Altar. Ich lese aus der Bibel, beginnt sie den Gottesdienst, in ihrer tiefen ruhigen Stimme, stellt den Besuchern Fragen, die antworten. Oben der Pfarrer, unten die Gemeinde, die nur mitsingen und mitbeten darf, diesen Abstand hebt Ulla auf, die Bänke sind voll besetzt.

Ihren schmalen schönen Händen fehlt am Ende die Kraft, den Stift zu halten, der letzte greifbare Teil der Welt entgleitet ihr, jedoch fürchtet sie sich nicht vor dem Tod. Bleib behütet, sagt sie jedem zum Abschied, ein so tröstlicher Satz. Tatjana Wulfert

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