Berlin : Ursula Nogossek, geb. 1964

Tanja Buntrock

In der Pizzeria wird Ursula Nogossek, die alle nur Ursel nennen, plötzlich übel. Als sie die italienischen Köstlichkeiten nicht bei sich halten kann, ist alles klar. André, ihr Ehemann, spricht es laut aus: Meine Tochter wird Rosa heißen. Wie Rosa Luxemburg. Da sind Ursel und André sich einig. Über einen Jungennamen sprechen sie gar nicht erst. Neun Monate später kommt Rosa zur Welt. Das Buch mit den Kinderliedern ist schnell abgeranzt, Rosa wird sich noch sieben Jahre später daran erinnern, wie sie bei ihrer Mutter auf dem Schoß saß und so oft "Alle meine Entchen", oder "Auf der Mauer, auf der Lauer" gesungen hat.

Ursel blüht auf in ihrer Mutterrolle. Dass sie nicht mehr arbeiten gehen kann, stört sie keineswegs. Die Haushaltsarbeit macht Ursel auch nichts aus, obwohl sie sich am Anfang ihrer Beziehung gar nicht dafür begeistern konnte. André schreibt Zettel, auf denen er Ursel erklärt, wie sie die Waschmaschine richtig bedient.

Als Ursel noch zu Hause bei ihren Eltern wohnte, war sie das Nesthäkchen. Als einzige der drei Kinder schaffte sie es, Vater und Mutter zu überzeugen, dass ein paar Haustiere das Familienleben bereichern könnten. Schon bald hatte Ursel das Kinderzimmer im Charlottenburger Lehrerhaushalt für sich alleine - die Schwester flüchtete, weil Ursels Schildkröten stanken und ihre Rennmäuse nervten.

Mit einem schiefen Pony und einer Brille, wie sie in den siebziger Jahren modern war, einer mit riesigem, unbequemem Gestell, wuchs Ursel heran, ein zierliches Kind mit Zöpfen. Wie bei fast allen Mädchen in ihrem Alter, waren es Pferde, die das Herz höher schlagen ließen. Einmal die Woche ging sie mit ihrer Freundin Bibi zum Reitunterricht. Doch für die Pferdehefte, die bei den Mädchen so beliebt sind, hatte sie nichts übrig. Ursel mochte es fachlich: "Moderne Reitlehre", "Das Reiterabzeichen leicht gemacht", heißen die Bücher, die sie ihr Leben lang aufbewahrt. Genauso wie die Schülerausweise. Jedes der gelbe Kärtchen mit dem Passfoto legte sie nach Ablauf eines Schuljahres in eine kleine Pappschachtel.

Als Teenager saß Ursel gerne an riesigen Puzzles, 1500, 2000 Teile sollten es schon sein. Am liebsten mit Bierflasche und Zigarrette - und mitpuzzelnder Mutter. Wenn Ursel mit Freunden ausging, dann meistens in den "Grünen Finger", eine Kneipe in Charlottenburg. Dort tranken sie ein paar Bier, rauchten und spielten Billard.

Den Jürgen, ihren ersten Freund, bekam sie regelrecht aufgedrückt. Ursel war an jenem Abend mit ihren Geschwistern und Freunden auf einer Party. Da schubste einer Ursel direkt in Jürgens Arme. Keiner weiß warum, aber beide fingen sofort wie wild an zu knutschen. Doch nach vier Jahren war Schluss. Als Ursel ihre Ausbildung als Rechtsanwalts- und Notarsgehilfin in einer Kanzlei anfing, jobbte André, Jura-Student und ein Kumpel ihres Bruders, dort. Ein paar Monate später waren die beiden ein Paar. Nach einem Jahr zog Ursel zu Hause aus und bei André ein. Da war sie 25.

Während Ursel mit Freda, der zweiten Tochter nach Rosa, schwanger ist, bemerkt sie Knötchen in ihrer rechten Brust. Mehrmals geht Ursel ins Krankenhaus. Doch die Ärzte sagen, die Milchdrüsen seien verstopft. Als Freda dann auf der Welt ist, hat sich ein mittlerweile acht Zentimeter großer Knoten unter Ursels Brust breit gemacht. Nun diagnostizieren die Ärzte bösartigen Krebs. Auf der Station stillt sie Freda noch einmal, dann wird sie in den OP gefahren. Als sie wieder aufwacht, ist die Brust amputiert.

Doch immerhin, die Ärzte sagen, dass alles wieder gut werde, wenn Ursel die Chemotherapie überstanden hat. Drei Jahre lebt Ursel so, als sei sie nie krank gewesen. Über den Krebs spricht sie kaum noch. Nur vor den Routineuntersuchungen, die alle drei Monate gemacht werden, hat Ursel Angst. Eines Tages tastet sie kurz nach einer solchen Untersuchung einen Knoten am Bauchnabel. Wieder wird sie operiert. Wieder scheint alles gut zu sein. Doch es taucht ein weiterer Knoten, diesmal zwischen den Rippen, auf. Es bilden sich Metastasen. "Maximal ein Jahr", sagt die Ärztin.

Ursel wird es nicht mehr erleben, wie ihre Mädchen aussehen, wenn sie groß sind, was sie umtreibt, ob sie Liebeskummer haben, den Schulabschluss, den Führerschein, die Ausbildung ...

Ursel, die bald vom Tumor im Gehirn erblindet, will im Krankenbett ganz genau wissen, wie Fredas Feier zum Beginn der Vorschule war. André und die Kinder erzählen ihr alles haarklein, und dann liest André noch ein wenig aus "Die Heiden von Kummerow" von Ehm Welk vor. Das hat Ursel so gern. "Ich wünsche mir, dass ihr alle wieder glücklich werdet", sind die Worte, die sie André zum Abschied sagt. Zwei Tage lang sieht ihre Familie sie nur noch im künstlichen Koma.

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