Berlin : Ursula Spanehl (Geb. 1922)

Sie lernte beizeiten, allein fertig zu werden. Sie kannte es nicht anders

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Halb fünf. Der Wecker klingelt. Es geht los. Raus aus dem Bett, runter ins Parterre, in die Druckerei, Maschinen an, die Aufträge für den Tag auf dem Schreibtisch zurechtlegen, Termine durchsehen, neue Termine eintragen, eine Tasse Kaffee trinken, Zahlen addieren, Rechnungen überprüfen, auf die Uhr schauen: halb sieben.

Sie geht zurück nach oben, in die erste Etage, weckt Armin und Lutz, streicht Butter auf Brotscheiben, fürs Frühstück und für die Schule, bringt die Söhne an die Tür, setzt sich an den Schreibtisch in der Druckerei, das Telefon läutet im Minutentakt, sie korrespondiert, kalkuliert, kopiert, sie wirft einen Blick in die Druckereiräume, zu Helmut, ihrem Mann, der an der Offset-Maschine steht, sie spürt, dass sie Hunger hat, es ist ja auch schon wieder halb zwölf.

Sie geht hoch in die Küche, schält Kartoffeln, setzt Wasser auf, Armin und Lutz stellen ihre Ranzen in die Ecke, setzen sich an den Tisch, sie setzt sich dazu und atmet durch. Nach dem Essen kutschiert sie die Jungs zum Schwimmtraining, zieht selbst etwas abseits einige Bahnen. Es folgen das Abendbrot, der Haushalt, ein Gute- Nacht-Kuss. Dann geht sie runter, in die Druckerei. Es ist halb neun.

Ursula kennt es nicht anders. Einen gemeinsamen Urlaub mit ihren Eltern gab es nur ein einziges Mal, kurz vor Ausbruch des Krieges. Gewöhnlich fuhr sie mit ihrer Mutter los, blieb eine Woche, bevor der Vater kam, um die Mutter abzulösen. Denn die Eltern betrieben ein Schreibwarengeschäft, eine Buchbinderei und eine Druckerei in Schöneberg. Heiligabend standen sie lange im Laden, der erste Feiertag war frei, am zweiten wurde die Weihnachtsware heraus- und die Silvesterstaffage hineingeräumt. Für ihre Spiele erfand sich Ursula einen Freund, zog beim „Mensch ärgere dich nicht“ abwechselnd für sich und für das imaginäre Kind. Im Sommer lag sie neben Martha, dem Dienstmädchen, auf einer Wiese und schaute ihr dabei zu, wie sie löchrige Hemden und Hosen stopfte. Wenn die Mutter abends um halb acht nach Hause kam, setzten sie sich gemeinsam an Ursulas Hausaufgaben. „Wird für beide kein Honigschlecken gewesen sein!“, schrieb sie später in ihren Erinnerungen. Einen Wildfang nannten sie die Eltern, fast ein Junge, mit unentwegt aufgeschlagenen Knien. Dabei hätte ihr das Rennen und Springen schwerfallen müssen. Ihr linkes Bein war dünner und sechs Zentimeter kürzer als das rechte.

Denn im Alter von eineinhalb Jahren war sie an Kinderlähmung erkrankt, trug tags eine Ledermanschette am Unterschenkel und nachts eine Schiene vom Fuß bis zur Hüfte. „Aber meine Eltern“, schrieb sie, „behandelten mich wie ein gesundes Kind. So lernte ich beizeiten, allein fertig zu werden.“

Ursula wurde fertig mit den Dingen. Doch waren auch Menschen bei ihr, über eine kürzere Zeit, über eine längere. Im Mai 1939 fuhr sie mit ihrer Klasse, ausschließlich Mädchen, nach Hamburg. Aus dem Tanzvergnügen machte sie sich nichts; sie setzte sich in eine Ecke. Ihre Abneigung schien die jungen Männer erst recht zu reizen. Sie gab nach und tanzte gleichgültig mit irgendjemandem. Und fing jäh den Blick eines blonden, blauäugigen Soldaten auf. Mit der Gleichgültigkeit war es dahin. Sie schrieben sich, sie sahen sich.

Dann begann der Krieg. Alfred kämpfte in Polen, in Frankreich, in Russland. 1943 heiratete er Ursula während eines Urlaubes. 1944 kam eine letzte Nachricht von ihm: Sie könne ihn am Bahnhof Zoo erwarten. Er war nicht in diesem Zug und auch in keinem anderen. Erst 1952 erhielt Ursula eine Meldung: „Todestag 1. oder 2. September 1944 in der Nähe von Maubeuge.“

Unterdessen hatte sie Helmut getroffen und geheiratet.

Im Sommer 1977 fuhren beide in die Picardie, zum Soldatenfriedhof in Bourdon, wo man ihren ersten Mann begraben hatte, zusammen mit 22 216 anderen.

Ursula und Helmut bekamen zwei Söhne, sie bauten das Haus in Buckow, die Druckerei unten, die Wohnung oben. Sie kauften ein Grundstück bei Bremen und stellten ihren Campingwagen darauf. Sie arbeiteten von früh bis spät. Und Ursula gab den Takt vor.

Aber der Freitag war heilig. Denn jeden Freitagabend, tatsächlich jeden, ließ sie alles stehen und liegen und ging in die Sauna. Und schlief meist schon nach dem ersten Gang im Ruheraum fest ein.

Vom Schleppen der Papierstapel mit ihrem zu kurzen Bein schmerzte ihre Hüfte. Etwas mit ihrem Darm stimmte nicht. Man operierte sie.

Als sie im Krankenhaus aufwachte, war ihr Blick ein anderer geworden. Die Jahreszahlen gerieten ihr durcheinander, die Orte. Sie versuchte, Ordnung zu schaffen, suchte für den Kaffeetisch mit großer Mühe jene Tassen, die zu den Tellern passten. Aber den Faden, der ihr Leben zusammenhielt, konnte sie nicht mehr halten. Helmut umsorgte sie und sah dabei über die eigene Krankheit hinweg.

Er starb vor ihr, fünf Monate. Auf seinen Grabstein ließ sie, so hatten es beide beschlossen, „59 Jahre in Treue vereint“ gravieren.

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