Berlin : Ursula Stern (Geb. 1920)

Den Mann, der da hing, hatte sie gekannt. Und sie vergaß nichts

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Ihre Stimme ist es, die einfach weiterspricht. Man hört sie noch, wenn man sie kannte. Ziemlich kräftig war die Stimme, laut, besonders in den letzten Lebensjahren – vielleicht auch, weil sie selbst nicht mehr so gut hören konnte. Man hörte ihr zu. Anders ging das gar nicht. Denn da rief jemand ganz privat und doch ganz und gar politisch nach Gerechtigkeit und nach Wahrheit. „Stellen Sie sich vor … “, hob sie an. Dann folgte eine neue Geschichte. Fast ein Jahrhundert an Geschichten war in ihr versammelt, ein emotionales wie faktisches Archiv.

Aufgewachsen an dem Ende der Motzstraße, das heute Else-Lasker-Schüler- Straße heißt, war die kleine Ursula Mode, wie ihr Mädchenname lautete, in eine Welt geraten, die sie mit ihren Widersprüchen fast zerriss. Der Vater, ein wohlhabender Mann aus jüdischer Familie, starb kurz vor ihrer Geburt. Wenig später heiratete die christlich getaufte, nicht jüdische Mutter erneut, wieder einen jüdischen Mann mit einigem Vermögen. Er wurde ein liebender, geliebter Stiefvater. Ein Kunstkenner, der das Mädchen in Museen mitnahm, ihr die Welt erklärte und ihr darin Schutz versprach.

Aber die Mutter sei beide Ehen aus Berechnung eingegangen, argwöhnte die Tochter bis in ihr hohes Alter. Es sei ihr um Status gegangen und Prestige. Bis in ihre letzten Lebenswochen hat sie von dem Mangel an mütterlicher Liebe gesprochen. Ihre Kinderjahre seien davon so geprägt gewesen wie ihre Jugendjahre vom Nationalsozialismus.

Als Ursula 13 war, kam Hitler an die Macht. Dem Hauseigentümer in der Motzstraße, der die Familie nicht als „jüdische Mieter“ bei den Behörden anzeigte, verdankte die Familie ebenso ihr Überleben wie dem frühen Dekret des Vaters, die Kinder sollten getauft werden und konvertieren. In der katholischen Kirche am Winterfeldtplatz hatte Ursula bis 1929 Firmunterricht bei Clemens August Graf von Galen. Der Bischof wurde zum Gegner des NS-Regimes. Am katholischen Gymnasium wurde das Mädchen von Nonnen verächtlich behandelt, sie habe jüdische Großeltern, hieß es, sie sei nicht richtig katholisch. Einige ihrer getauften jüdischen Klassenkameradinnen, deren Eltern deportiert und ermordet wurden, entkamen mit Kindertransporten nach London. In der Pogromnacht am 9. November 1938 sah die Abiturientin Ursula in einem Schaufenster einen Ladeninhaber hängen, der den Strick genommen hatte, um den Mördern nicht in die Hände zu fallen. Sie hatte ihn gekannt. Und sie vergaß nichts.

Unter dem Ladentisch eines Buchhändlers in Schöneberg erhielt man verbotene Literatur, davon haben sie und ihre Freunde gezehrt. Gefährlich war das Leben in jedem Moment, zu viele Leute wussten von Ursulas jüdischem Vater. Eines Tages kam die Mutter von einem Besuch in der Dresdner Oper wieder – ohne den Vater. Der Papa sei plötzlich tot gewesen, erklärte sie den schockierten Kindern. Die Mutter stand da, erzählte Ursula Stern, in einem schwarzen Kleid und schien nicht erschüttert.

Ursula war jetzt ohne Schutz, zu Hause wie im ganzen Land. Sie tauchte unter. Im Künstlerhaus St. Lukas in der Fasanenstraße 13 fand sie in den Nächten Asyl. Und sie fand eine Liebe fürs Leben. Rudi Stern, Grafiker und Karikaturist, hatte das Glück, als „Halbjude“ bei der Berliner Hartnackschule für Fremdsprachen diskret eine Stelle zu erhalten. Er zeichnete für Lehrbücher und Lehrfilme. Mit der Familie Lauterbach, die die Schöneberger Schule in zweiter Generation betreibt, waren beide bis an ihr Ende verbunden.

Für Rudi, der auch Berliner Zeitungen belieferte, las Ursula nach dem Krieg die Blätter und fahndete nach illustrationswürdigen Themen. „Dazu musst du was machen“, sagte sie und legte Artikel auf seinen Tisch. Hans Filbinger zeigte ihn mal an; Rudi hatte ihn vor einer Schultafel, Hakenkreuze malend, dargestellt – und bekam im Karikaturenstreit recht.

Die beiden Überlebenden schufen sich einen großen Freundeskreis, liberal, künstlerisch, und trotz allem, was war, zum Feiern begabt. Kinder kamen nicht, aber sie genossen ihr Leben. Als es ums Erbe ihrer Eltern ging, war Ursula lässig und nachlässig, später meinte sie, sie sei skrupellos übervorteilt worden.

Nach Rudis Tod lebte sie in seinem Atelier unterm Dach in der Marathonallee im Westend weiter, allein. Die fünf Treppen lief sie täglich, und täglich las sie die Zeitung. Als der Papst die Pius-Brüder rehabilitierte, konnte sie sich kaum beruhigen. Sie habe einen Notkoffer gepackt, teilte sie mit, „für alle Fälle“. Nüchtern, aber laut, fügte sie hinzu: „Man hat Angst, es geht alles wieder los!“ Bis ins 90. Lebensjahr fuhr sie Fahrrad, bis zum Schluss konnte sie laufen, reden, sehen, denken, lachen. Noch einmal hatte sie Glück, als eine Freundin aus der Nachbarschaft eine Alltagsassistentin für sie bestellte, eine Ost-Berlinerin, die in den letzten Lebensmonaten beherzt und in lebhaften Debatten für sie da war. Zu Ursula Sterns säkularer Beerdigung versammelten sich auf dem Berliner Waldfriedhof viele Freunde. Man merkte: Totsein passt nicht zu ihr. Ihre Stimme ist noch da. Und ihre Geschichte. Caroline Fetscher

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