Berlin : Ursula Zellmer (Geb. 1919)

Und später machte ich eine Ausbildung zur Fahrstuhlführerin

aus den Lebenserinnerungen zusammengestellt von Gregor Eisenhauer

Mein Vater hat sich früh mit einem Fotoatelier in Berlin-Lichtenberg selbstständig gemacht. Zu seinen Kunden gehörten Matrosen, die sich auf dem Schiff und im Hafen von ihm fotografieren ließen. Er hat dann die Bilder aufs Schiff geliefert. Einmal fuhr das Schiff los, als er noch an Bord war, so kam er nach Afrika.

Vor seiner Frau Erna kannte er unter anderem eine Martha, die er verließ, weil sie keine Kinder bekam. Meine Mutter lernte er als eine ganz dünne, junge Frau kennen. Sie hatte immer Hunger, und er hatte zu essen, und so hat er sie aufgepäppelt. Als sie schwanger wurde, heirateten sie im Mai 1919. Im November kam ich zur Welt. Es war immer ein Geheimnis, dass ich ein „Sechsmonatskind“ war. Obwohl es alle wussten, wurde nicht darüber geredet. Nach der Geburt konnte meine Mutter keine Kinder mehr bekommen.

Wir hatten nur ein ganz kleines Schlafzimmer, die eine Tür führte ins Atelier. Schon als Baby konnte ich meinem Vater beim Fotografieren zusehen. Er war der Erste, der Artisten im Studio fotografierte, manchmal kamen auch Tiere, einmal sogar Robben vier Treppen hoch ins Atelier. Ich hatte kleine Schuhe mit einer Lederkappe, mit denen stand ich ständig auf der Spitze und schaute zu. Später hatte ich dann auch Ballettstunden.

1930 zogen wir in die Frankfurter Allee. Da gab es einen Fahrstuhl und später machte ich eine Ausbildung zur Fahrstuhlführerin, um die Kunden befördern zu dürfen. Einmal sogar einen Esel. Der Umzug veränderte insoweit mein Leben, als ich Herbert kennenlernte. Er gefiel mir, und mit elf schrieb ich in mein Tagebuch: „Ich heirate niemand anders als Herbert Zellmer.“

Am 10. Januar 1936 war eine Aufführung in seinem Gymnasium. Es gab den „Gestiefelten Kater“. Danach hat er mich nach Hause begleitet, und wir haben uns das erste Mal geküsst. Er hatte einen langen Mantel an und rauchte eine Zigarette und hat immer die Asche an meinen Mantel fliegen lassen. Er wollte Lehrer werden.

Ich war damals ein ganz selbstständiger Mensch. Im August 1938 besaß ich schon ein eigenes Auto, einen schwarzen DKW mit einem hellgrauen Stoffverdeck. Wenn ich mit Herbert unterwegs war und immer rundherum um den Alexanderplatz fuhr, hielt er sich fest und sagte immer ängstlich: „Nicht so schnell, Ulla!“

Autofahren hat er nie richtig gelernt, machte es aber begeistert. Ich durfte später nur noch durch die DDR fahren, weil es so langweilig war. Alle Reisen und andere Fahrten machte er. Ich habe mich an seinen Fahrstil gewöhnt, und wir hatten überraschenderweise auch nur zwei kleine Unfälle in den ganzen Jahrzehnten.

Die Hochzeit war mitten im Krieg. Es war ein großes Geschenk, dass an diesem Tag kein Alarm war. Als ich schwanger wurde, meinte Herbert, ich müsse raus aus Berlin. Ich fuhr nach Seefeld in Tirol. Herbert war in Norwegen Soldat. Am vierten Oktober kam Bernd zur Welt. Ich wäre nach der Geburt fast gestorben und musste mit einer Lastenbahn nach Innsbruck ins Krankenhaus gebracht werden.

Wir gingen zurück nach Berlin, in die Frankfurter Allee, und es war immer noch Krieg. Unser Haus war das letzte in der Straße, das abbrannte. Unten war eine Papierfabrik, oben das Fotoatelier mit den Chemikalien. „Unser Arbeitszimmer brennt am schönsten“, war der Kommentar meines Vaters. Meine Mutter hat sich aufgeregt, weil er die Koteletts nicht mitgebracht hat, die in der Speisekammer lagen. Nichts konnten wir retten.

Als die Russen kamen, wurde ich zusammen mit meiner Mutter von drei Soldaten vergewaltigt, während einer mit dem Gewehr auf Bernd zielte. Seltsamerweise haben sie mich nicht gequält oder ernsthaft verletzt. Gut war auch, dass ich nicht schwanger wurde. Da haben wir sehr viel Glück gehabt.

Herbert bekam nach seiner Entlassung als Soldat eine Schulleiterstelle in Redwitz. Zwei Jahre hatten wir uns nicht gesehen! Für Bernd war es schwer, er schrie wie am Spieß, als er seinen Vater traf. Ein fremder Mann, der erwartete, dass er sich wie ein geliebter Sohn benimmt!

Regine wurde im Februar 1948 geboren. Ich bin dabei dem Tod von der Schippe gehopst. Ich habe Kindbettfieber bekommen und eine Lungenembolie.

1952 eröffnete ich mein Fotoatelier. Mein Vater hat aus einem Staubsauger einen Vergrößerungsapparat gebaut. Die BRD wurde gegründet, und es wurden Passbilder gebraucht. Da habe ich wie eine Wilde geschuftet und von dem Geld haben wir dann unseren ersten VW-Käfer gekauft. Es war das zweite Auto im Dorf.

Wir wollten immer wieder nach Berlin zurück. Herbert kannte einen Schulleiter in Dahlem, und als ein Berliner Lehrer aufs Land wollte, konnten wir mit ihm tauschen. Ich habe kein eigenes Atelier mehr aufgemacht, sondern war seitdem nur noch Hausfrau und Mutter.

Herbert hat ja Geografie und Geschichte unterrichtet und wollte immer gesehen haben, was er unterrichtet. Wir haben wundervolle Reisen gemacht und waren ein großartiges Team, weil er alles wusste über die Gegend, in die wir fuhren, und ich konnte die Bilder machen. Ich habe auch mit Regine noch viele schöne Reisen gemacht, aber dass Herbert so früh sterben musste, darüber kam ich nicht weg. Die gerade Linie auf dem Monitor an seinem Krankenbett ist ein Bild, das ich nie vergesse. aus den Lebenserinnerungen zusammengestellt von Gregor Eisenhauer

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