Berlin : Urteil facht Diskussion um Religionsunterricht an

Amory Burchard

Nach dem Verwaltungsgerichts-Urteil zugunsten der Islamischen Föderation drängen die Kirchen auf eine schnelle Einigung im Berliner Streit um den Religionsunterricht. Rolf Hanusch, Direktor der Evangelischen Akademie zu Berlin, sagt, jetzt sei der richtige Zeitpunkt, Religion als ordentliches Lehrfach einzuführen. Laut Urteil des Verwaltungsgerichtes darf die Islamische Föderation weiterhin Unterricht anbieten, auch wenn ihre Lehrer in einzelnen Punkten von der Verfassung abweichen.

Die Argumentation des Gerichts sei nur möglich geworden, weil der Religionsunterricht in Berlin als "Randveranstaltung" betrachtet werde, so Hanusch. Wenn der Staat nicht für den Werteunterricht verantwortlich sei, dürfe die Schulverwaltung eben bei Fragen wie der Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau "nicht so genau hingucken". Sobald aber Religion - und wahlweise Ethik/Philosophie - als ordentliches Lehrfach erteilt werde, seien die Lehrpläne überprüfbar, Unterrichtskontrollen jederzeit möglich und ein hohes pädagogisches und didaktisches Niveau garantiert.

Rupert von Stülpnagel, Schulrat beim Erzbischöflichen Ordinariat, beklagt, dass in Berlin ein erheblicher Teil von Schülern ohne jegliche Werteerziehung bleibe. Die Kirchen setzen sich für ein Wahlpflichtfach Religion - mit den Glaubensrichtungen Christentum, Judentum und Islam - beziehungsweise Ethik/Philosophie ein, wobei auch Humanistische Lebenskunde eine Option sein soll.

Rolf Hanusch sieht auch wegen der Bedrohung durch den internationalen Terrorismus unmittelbaren Handlungsbedarf. Mit dem diesjährigen Träger des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, Jürgen Habermas, argumentiert er, dass eine Bürgergesellschaft ohne Einbeziehung der Religionsgemeinschaften gar nicht denkbar sei. Rupert von Stülpnagel hält es für falsch, ein Ereignis wie die Terroranschläge vom 11. September "zu instrumentalisieren", um die Debatte um den Religionsunterricht zu beschleunigen. Aber die Bedrohung durch den Terrorismus und die Verunsicherung der Schüler zeige auch die "Defizite in der Werteorientierung".

Beide Kirchenmänner glauben, dass mit einem Schulsenator Klaus Böger (SPD) eine Einigung auf das Wahlpflichtfach Religion-Ethik/Philosophie möglich wäre und verweisen auf Bögers "Begegnungsmodell". Dabei würden die einzelnen Fächer und Glaubensrichtungen kooperieren - und so zu einem gegenseitigen Verständnis kommen.

Wenn Senator Bögers Sprecher das Begegnungsmodell erklärt, klingt es etwas anders. Neben einem Pflichtfach Ethik/Philosophie könnten die evangelischen und katholischen Kirchen in eigener Verantwortung ihren bekenntnisorientierten Unterricht fortführen, erklärte gestern Thomas John. Mit dem Pflichtfach sei der werteorientierte Unterricht verbindlich - was die Schulverwaltung nicht erst seit dem 11. September für unerlässlich halte.

Aus dem Dilemma, das sich aus dem Urteil des Verwaltungsgerichts ergibt, will Böger so herauskommen: Islamkunde soll als nicht bekenntnisorientiertes Fach in staatlicher Verantwortung unterrichtet werden. Damit könnte die Verwaltung alle Unterrichtsinhalte kontrollieren. Eine "Verstaatlichung" auch des evangelischen und katholischen Religionsunterrichts sei in Berlin bislang politisch nicht durchzusetzen gewesen, so John. Der jugend- und familienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Abgeordnetenhaus, Karlheinz Nolte, sagt, seine Partei gehe nicht mit einem festgelegten Programm in die Koalitionsverhandlungen. Es gebe nur ein generelles Bekenntnis zum wertevermittelnden Unterricht. Nach der Regierungsbildung müsse es noch einmal Gespräche mit den Kirchen und mit anderen gesellschaftlichen Gruppen zum Thema Religionsunterricht geben.

Die Kirchen jedenfalls wissen schon, was sie wollen. "Das religöse Bekenntnis ist für uns ein entscheidender Bildungsinhalt", sagt Schulrat von Stülpnagel. Toleranz werde nicht erworben, indem man Unterschiede nivelliere.

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