Berlin : US-Berlin-Veteranen: Das Berliner Band

Elisabeth Binder

"Jetzt sind alle Probleme gelöst." Clyde M. Cates war nicht der einzige US-Veteran, der beim Fall des Eisernen Vorhangs diesen Gedanken hatte. Zwischen 1945 und 94 waren Hunderttausende US-Soldaten in Berlin stationiert, darunter so prominente wie der spätere Golfkriegsheld Norman Schwarzkopf, der in der Zeit vor dem Mauerbau in Berlin Dienst tat. Viele Mitglieder der Berlin Brigade wurden später hochdekorierte Generäle, viele halten auch heute noch Führungspositionen. Clyde Cates ist in dieser Woche aus Kalifornien nach Berlin gekommen, um ein Treffen der Berlin U.S. Military Veterans Association vorzubereiten, deren Präsident er ist.

"Die meisten von uns kannten sich nicht, als sie in Berlin stationiert waren, aber Berlin wurde zum Band, das uns verbindet", sagt Cates. Er selbst kam als junger Soldat unmittelbar vor dem Mauerbau, erlebte unter anderem die Kubakrise und die Konfrontation der Panzer am Checkpoint Charlie hautnah. "Der Mauerbau traf uns völlig unvorbereitet", erzählt er. "Viele von uns hatten am Vorabend noch gefeiert. Wenn wir in Alarmbereitschaft gewesen wären, hätte man uns das sicher nicht erlaubt." Die größte Anspannung hat er während der Kubakrise unter den Truppen gespürt. "Die meisten von uns rechneten damit, dass ein Weltkrieg ausbrechen würde, und Berlin hätte es zuerst getroffen." In Berlin erlebte er viele prominente amerikanische Politiker zum ersten Mal. Besonderen Eindruck hat General Lucius D. Clay bei ihm hinterlassen, den Kennedy nach dem Mauerbau noch einmal nach Berlin schickte. "Die Art, wie er das Kommando übernahm, zeigte eine beispiellose Führungspersönlichkeit." Auch John F. Kennedy und seinen Bruder Robert hat er hier zum ersten Mal erlebt. Später hat er für Robert Kennedy Wahlkampf gemacht, sich nach dessen Ermordung aber nicht mehr politisch engagiert.

"Mission accomplished, Mission erfüllt", lautete einer der liebsten Sätze ehemaliger Soldaten der Berlin Brigade, als der Kalte Krieg friedlich zu Ende gegangen war. Bis dahin war Berlin für US-Soldaten immer eine Art Karrieresprungbrett, weil hier nicht nur militärische Fähigkeiten gefragt waren, sondern auch diplomatische. Deshalb wurden die Soldaten, die in die geteilte Stadt kamen, sehr sorgfältig ausgewählt, unter ihnen herrschte ein besonderes Elitegefühl. Außerdem gab es keinen weiteren Einsatzort in der Welt, an dem man so gut Freundschaften knüpfen konnte. Das bezog sich nicht nur auf die Soldaten, sondern auch auf ihre Familien. Wie viele Kinder amerikanischer Soldaten Berliner durch Geburt sind, darüber gibt es keine Schätzungen.

Unter den ganz jungen Soldaten war vor allem das Nachtleben berühmt. "Viele von uns kannten ja keine großen Städte und haben auch die Möglichkeiten genossen, die es hier gab, um sich abzulenken. Jazz war eine große Sache." Es habe auch Kameraden gegeben, die vom Mauerbau bei ihren ostdeutschen Freundinnen überrascht wurden, dann aber sang- und klanglos über die Grenze zurückgeschickt wurden. Clyde Cates selber erinnert sich gerne an Segelausflüge auf dem Wannsee. Nach dem Ende seiner Soldatenkarriere ging er nach Kalifornien und wurde Ingenieur bei United Airlines, später organisierte er Schiffstouren in Russland. Zur Zeit des Anschlags in New York war Cates gerade auf dem Weg zum Flughafen in San Francisco, um nach Berlin zu fliegen. Seinen Koffer ließ er gepackt. Nach wie vor fühlt er sich im Flugzeug sicherer als im Auto. Etwas aber hat ihn doch erschreckt, als der internationale Flugverkehr schließlich wieder aufgenommen wurde: "Ich kann mich nicht erinnern, auf einem amerikanischen Flughafen zuvor schon mal Wachleute mit Maschinenpistolen gesehen zu haben."

Das Wiedersehen der Soldaten bereitet er dennoch vor, und er ist optimistisch, dass es im nächsten Sommer wie geplant stattfinden wird. Etwa 1000 Berlin Veteranen wollen daran teilnehmen. Unterstützt wird Cates bei den Planungen vom Alliierten-Museum, das wiederum von seiner Organisation gefördert wird, mit Exponaten aber auch mit Geldbeträgen. Der Leiter des Museums, Helmut Trotnow, ist vor allem dankbar für die vielen Kontakte, die über diese Organisation zu Archiven und Nachlässen hergestellt werden konnten: "Mit den Mitteln, die die Veteranen aufbrachten, konnte unter anderem der Nachlass von Kennedys Sicherheitsberater George McBundy aufbereitet werden, der viele Einzelheiten aus der Kuba-Krise enthält, die ja auch eine Berlin-Krise war."

Bei allen persönlichen Freundschaften, die entstanden sind, erinnern sich die Veteranen auch an die Demonstrationen während des Vietnamkrieges. Eine ganze Menge Soldaten sind aus Berlin direkt dorthin versetzt worden, an diejenigen, die gefallen sind, erinnerten Plaketten in der Kapelle der Andrews Barracks, die heute ebenfalls im Alliierten Museum aufbewahrt werden.

Den Stolz, in Berlin so viele Krisen gemeistert zu haben, teilen die Veteranen, auch wenn sich immer wieder und jetzt besonders gezeigt hat, dass neue Krisen alte ablösen. Dafür hat Clyde M. Cates einen Spruch parat, der etwas von dem speziellen Veteranen-Humor rüberbringt. "Es gibt einen chinesischen Fluch", sagt er. "Der lautet: Mögest du in interessanten Zeiten leben."

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