Berlin : US-Journalisten: Arbeit als Ausweg

Tanja Buntrock

"Haben Sie einen Hausausweis?", ist seit gestern die Standard-Frage bei der Fernsehstation der Deutschen Welle (DW-tv) in der Voltastraße in Wedding. Seit den katastrophalen Ereignissen in den USA kommt ohne das Dokument niemand mehr in das Gebäude. Sicherheitshalber werden alle Eingänge von einem privaten Wach-Dienst kontrolliert.

Rund 50 amerikanische Journalisten arbeiten für DW-tv, dem Nachrichten-Sender, der von Deutschland aus in Englisch, Spanisch und Deutsch rund um die Uhr in die ganze Welt sendet. Als die Meldungen von den Terroranschlägen eingingen, hat die US-Moderatorin Melinda Crane Dienst. Stündlich verlas sie die Schreckensnachrichten. Sie ist seitdem fast rund um die Uhr im Einsatz. "Meine Mutter lebt in Boston", sagt sie mit heiserer Stimme, "ich habe sie sofort angerufen, um mich zu erkundigen, wie die Lage ist." Ihre Mutter habe das Szenario mit Pearl Harbor verglichen. "In Boston ist kaum eine Familie nicht betroffen. Jeder kennt irgendwen, der Opfer dieser Katastrophe wurde." Die Moderatorin empfindet es als "hilfreich, dass ich jetzt durch meine Arbeit gezwungen bin, professionell damit umzugehen." Viele ihrer Kollegen seien in Tränen ausgebrochen, als die Nachrichten aus den USA sie erreichten. "Am Anfang war es alles so irreal. Erst später wird einem klar, wie viele Opfer das gefordert hat." Ihre beiden Kinder, neun und elf Jahre, besuchen die John-F.-Kennedy-Schule. "Sie haben mir zum ersten Mal gesagt, dass sie Angst haben". Die Journalistin ist der Überzeugung, dass die im Ausland lebenden Amerikaner nicht ganz so schockiert sind wie diejenigen, die in den USA leben, denn: "Es hat ja schon mehrmals Anschläge auf amerikanische Institutionen im Ausland gegeben. Vielleicht waren wir innerlich mehr darauf vorbereitet", vermutet sie. Die Anteilnahme der Deutschen, sagt sie, habe sie unbeschreiblich berührt. "Mich haben so viele Menschen angerufen und sich erkundigt," sagt sie, "das sagt mehr, als alle Bilder".

Betty Gilbert, freie Mitarbeiterin des Senders, hat einen Bruder und eine Schwester, die unweit von Manhattan leben. "Meinem Bruder geht es gut, meine Schwester konnte ich immer noch nicht erreichen", sagt sie. So sitzt sie weiterhin geschockt vor dem Fernsehgerät und versucht, die Schwester telefonisch zu erreichen. Angst hat sie auch um die Frau ihres Cousins in Washington. Diese ist Angestellte im Pentagon, das ebenfalls angegriffen wurde. "Ich würde gerne hören, dass es ihr gut geht." Betty Gilbert sagt, dass sie Angst vor einem Krieg hat. Der Nachrichtenredakteur Christopher Robinson erklärt emotionslos: Ich musste mich um die Nachrichten kümmern, das ist mein Job. Robinson ist sicher: "Es muss vom amerikanischen Präsidenten eine Antwort geben, wenn sicher ist, wer dahinter steckt." Eigentlich, sagt er, sei er gegen Gewalt. Aber in diesem Fall helfe diskutieren nicht weiter.

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