US-Wahl 2016 : Mit Sternen und Streifen

Im kollektiven Bewusstsein Berlins spielt Amerika eine sehr spezielle Rolle. Deswegen trifft hier die US-Wahl auch auf besonderes Interesse.

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Überall in der Stadt finden sich Spuren der Verbindung Berlins mit den USA- So auch am einstigen Kontrollpunkt Checkpoint Charlie.
Überall in der Stadt finden sich Spuren der Verbindung Berlins mit den USA- So auch am einstigen Kontrollpunkt Checkpoint Charlie.Foto: Mike Wolff

Wenn die Party nicht läuft, keine Stimmung aufkommt, bleibt immer noch der Griff zur "Sound Machine". Das sind im Jux-Handel erhältliche Plastikboxen, denen man auf Knopfdruck unterschiedlichste, thematisch sortierte Geräusche entlocken kann. Auch eine Berlin-Version ist zu haben, als stadttypischer Klang gelten dort neben dem Warnton der sich schließenden S-Bahntür und ein paar Takten "Berliner Luft" auch Kennedys "Ich bin ein Berliner", Reagans "Mr. Gorbachev tear down this wall" und das Läuten der Freiheitsglocke.

Von 16 Berlin-Geräuschen drei mit US-Wurzeln, also 18,75 Prozent – keine schlechte Quote. Und zugleich ein Indiz für die spezielle Rolle, die die Vereinigten Staaten im kollektiven Bewusstsein Berlins spielen. Damit aber auch ein – gewiss banaler, aber doch treffender – Hinweis auf die besondere Aufmerksamkeit, die der an diesem Dienstag in den USA stattfindenden Präsidentenwahl hier zuteil wird. Sie hat eben, auch über den erbitterten Zweikampf Clinton-Trump hinaus, eine sehr individuelle, sogar emotionale Bedeutung für die Berliner, die beispielsweise eine Wahl in Kanada – pardon, Mr. Trudeau – nicht besitzt.

Kennedys Rede kommt von der "Sound Machine"

Das hat, gerade im alten Westteil der Stadt, zunächst einmal historische Gründe, die mit den drei US-Geräuschen der Berliner "Sound Machine" bereits angedeutet sind, betreffen sie doch zentrale Abschnitte der Stadtgeschichte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts. Die Freiheitsglocke, 1950 nach einer Spendenaktion in den USA im Turm des Rathauses Schöneberg aufgehängt, versicherte gleichsam den West-Berlinern, die erst im Jahr zuvor dank der Luftbrücke mit ihren Rosinenbombern die Blockade überstanden hatten, dass Amerika auch weiterhin Garant ihrer Freiheit sein werde - eine Funktion, die auch der Besuch Kennedys mit der berühmten Rede knapp zwei Jahre nach dem Mauerbau aufs wirkungsvollste diente. In Reagans kaum weniger gefeierter Rede am Brandenburger Tor 1987 hingegen deutete sich prophetisch bereits das Ende des Kalten Krieges an.

Beim Obama-Besuch 2008 brachten viele Menschen ihre enge Beziehung zu den Vereinigten Staaten an der Siegessäule zum Ausdruck.
Beim Obama-Besuch 2008 brachten viele Menschen ihre enge Beziehung zu den Vereinigten Staaten an der Siegessäule zum Ausdruck.Foto: picture alliance / dpa

Die Zeit der Schutzmacht ist Geschichte, im Stadtbild aber weiterhin präsent. Die Kongresshalle im Tiergarten, US-Beitrag zur Interbau 1957, die aus Mitteln des Marshall-Plans finanzierte Amerika-Gedenkbibliothek, das Amerika-Haus in der Hardenbergstraße, ehemals Kulturzentrum der USA, die Steuben-Statue an der Clayallee, Präsent zur 750-Jahr-Feier – sie alle erinnern an die Zeiten, als das Deutsch-Amerikanische Volksfest noch ein Muss für alle amerikanophilen Rummelfreunde war.

Berlins erste Partnerstadt war Los Angeles

Auch in den Berliner Straßennamen sind die Vereinigten Staaten präsent, die Liste reicht von der Clayallee über den Steuben-, den Washington- und den John-F.-Kennedy-Platz bis zu dem nach Los Angeles, Berlins erster Partnerstadt, benannten Platz in der alten City West.

Wohl wie kein anderes Land haben die USA auch die Alltagskultur in Berlin – und nicht nur hier – geprägt. 1983 eröffnete das erste McDonald’s-Restaurant in Berlin, heute ist die Kette aus dem Stadtbild nicht wegzudenken, hat es sogar bis nach Kreuzberg geschafft und konkurriert um Aufmerksamkeit mit den anderen einschlägigen US-Marken wie Burger King, KFC oder Starbucks, von Coca Cola ganz zu schweigen. Deren ehemalige Niederlassung in Lichterfelde hat in Billy Wilders "Eins, Zwei, Drei" sogar Filmgeschichte geschrieben.

Heute hat die Deutschland-Zentrale des Unternehmens ihren Sitz in Berlin, ebenso wie die von IBM, General Electric und den Viagra-Pillendrehern des Pharmariesen Pfizer. Und wenngleich die Tesla-Dichte auf Berlins Straßen die in San Francisco oder L. A. bei Weitem noch nicht erreicht – am Kurfürstendamm ist der Elektromobil-Produzent doch schon präsent, direkt neben dem Flagship Store von Apple.

Die dreiteilige Form des Luftbrückendenkmals erinnert an die drei Luftkorridore, die Lebensadern West-Berlins während der Blockade 1948/49.
Die dreiteilige Form des Luftbrückendenkmals erinnert an die drei Luftkorridore, die Lebensadern West-Berlins während der Blockade...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Längst sind auch US-Leinwandstars auf Berlin-Besuch, sei es bei Premieren oder Dreharbeiten, keine seltenen Exemplare mehr, sondern stehen fast Schlange. Und die Hollywood-Produzenten haben die Stadt nicht länger nur als Ansammlung von potentiellen Zuschauern im Blick, sondern ebenso als attraktiven Drehort und Fundgrube für spannende Geschichten, vom Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke, von Spielberg mit Tom Hanks verfilmt, bis zum Attentat auf Hitler, ein Film, für den Tom Cruise wegen technischer Probleme gleich zwei Mal den Leinwandtod im Bendlerblock sterben musste.

Und das wohl größte Konzert, das die Stadt je erlebte, das die mit Abstand meisten Zuhörer anlockte, verdankt die Stadt einem Musiker, der 1988 die alte Radrennbahn Weißensee zum Rocken brachte. He was born in the USA!

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