Berlin : US-Wahlkrimi: Es zählt tatsächlich jede Stimme

Katja Füchsel

Er hat per Brief gewählt. In Florida. Seine Stimme könnte also rein theoretisch entscheidend sein für das Ergebnis der amerikanischen Präsidentenwahl. Bob Smith, Repräsentant vom American Chamber of Commerce in Berlin, muss über diesen Gedanken lachen. Doch dann wird Smith - er lebt seit 1982 in Berlin - wieder ernst. Denn die derzeitige Situation in den USA mache ihn nicht sonderlich glücklich. "Es ist egal, wie die Wahl ausgeht: Das ist kein klares Mandat."

Den Dienstagabend hat der Mann von der Handelskammer bei der Wahlparty im Amerikahaus verbracht. Wäre es hier nach den Besuchern gegangen, dann wäre Al Gore schon Anfang der Woche zum zukünftigen Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden. Sein Rivale, George W. Bush, lag mit 15 Prozent abgeschlagen hinten.

Die Realität sieht bekanntlich anders aus: Ob der Demokrat oder der Republikaner die Wahl gewonnen hat, steht nach offiziellen Angaben frühestens kommende Woche fest. Inoffizielle Zahlen vom Freitag gaben Bush einen knappen Vorsprung von 327 Stimmen vor Gore. Staatsrechtler schließen eine Wiederholung der Wahl in Florida nicht aus, weil es bei der Abstimmung zu Unregelmäßigkeiten gekommen sein soll. "Sie haben Fehler gemacht", sagt Smith. Er glaubt, dass die Wahl jetzt eine Diskussion über die Änderung des amerikanischen Wahlsystems auslösen könnte.

Rund zehntausend Amerikaner leben derzeit in Berlin, aber längst nicht alle gaben ihre Stimme ab. "Ich schäme mich, es zuzugeben", sagt beispielsweise Cynthia Barcomi, die Chefin von "Barcomi Deli" in Kreuzberg. Seit 1985 lebt die 37-jährige New Yorkerin in Berlin. Das Ergebnis in diesem Jahr habe ihr allerdings verdeutlicht, dass tatsächlich jede Stimme zähle. "Das ist eine sehr unglückliche Situation jetzt", sagt Barcomi. Sie hofft, dass Gore doch noch das Rennen macht - und hat sich ganz fest vorgenommen: "Nächstes Mal wähle ich auf jeden Fall."

Zu den klaren Gore-Sympathisanten zählt ebenfalls Sarah Schuhmacher, Praktikantin im Aspen-Institut. Und auch die 20-Jährige aus St. Louis bereut, nicht gewählt zu haben. "Ich bin zu dieser Zeit gerade durch Europa gereist." Thomas McNeill, ein Kunststudent aus Kalifornien, hat zwar nicht gewählt, dafür aber kein schlechtes Gewissen. Nach zehn Jahren Deutschland sei es ihm eigentlich egal, wie die Wahl letztlich ausgeht. "Ich würde viel lieber hier wählen", sagt der 33-Jährige.

Dass Terry Dawson solche Teilnahmslosigkeit fremd ist, liegt wohl nicht zuletzt an seinem Beruf: Der 40-Jährige aus North Carolina arbeitet als freier Journalist in Berlin, hat "natürlich" gewählt und "die ganze Wahlnacht vor dem Fernseher" verbracht. "Das ist noch immer spannender als jeder Krimi", sagt Dawson lachend und beginnt aufzuzählen: Erst die Entscheidung für Gore, dann für Bush, die Ungewissheit, der knappe Abstand der Kandidaten, die 19 000 ungültigen Stimmen, die Auswertung der Briefwahl... Ginge es nach Dawson, würde Anfang des Monats in Florida neu gewählt. Für wahrscheinlich hält er es indes nicht. "Es wird schwer, Bush jetzt noch zu kippen."

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