Berlin : Uta Pippig: Immer am Kanal lang

Sie waren beim Berlin-Marathon wieder nur als Zuschauer dabei? Sie haben sich vorgenommen, endlich ins Lauftraining einzusteigen? Dann folgen Sie einfach unseren Routen. Prominente Läufer – Profis und Hobbyathleten – verraten, wo joggen in Berlin am schönsten ist

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ACHTUNG, FERTIG, LOS! LAUFEN MIT DEM TAGESSPIEGEL (5)

Immer, wenn ich in Berlin lande, folge ich einem Ritual: Von Tegel fahre ich direkt in meine kleine Wohnung nach Steglitz, ziehe mich um und laufe los, den TeltowKanal entlang. Kein Jetlag kann mich davon abhalten, wenigstens 10 Kilometer auf meiner Lieblingsstrecke zu laufen, ganz locker, so um die 4 Minuten und 30 Sekunden pro Kilometer.

Ich wohne zwar die meiste Zeit des Jahres in Colorado, in Boulder am Rande der Rocky Mountains. Aber ich vermisse Berlin, meine Freunde, vor allem meine Familie. Ja, und ich vermisse es auch, in Berlin zu laufen. Es gibt überall auf der Welt tolle Strecken, aber der Grunewald ist einzigartig: all die kleinen und großen Wege, belebt oder einsam, die zahllosen Möglichkeiten, neue Routen auszuprobieren. Einzigartig ist der Geruch, ein ganz spezifischer Grunewald-Duft, der zu jeder Jahreszeit anders ist, manchmal sogar von Tag zu Tag variiert.

Mein läuferisches Zuhause aber bleibt der Teltow-Kanal – allein schon, weil ich um die Ecke wohne. Außerdem verbinde ich mit dieser Runde einen Teil meines Lebens. Immerhin verlief früher der Mauerstreifen entlang des Kanals. Wer dort regelmäßig lief, konnte ein Stückchen Weltgeschichte erleben, langsame, stetige Veränderungen. Zu DDR-Zeiten konnte man nur auf einer Seite des Ufers laufen, nach der Wende waren beide Seiten frei. Eines Tages waren die Wachtürme verschwunden, dann holte sich die Natur den Streifen Stück für Stück zurück. Heute sieht es so aus, als hätte es dort nie eine Grenze gegeben. Wenn ich richtig lange rennen will, dann geht es bis nach Teltow, das sind schon an die 35 Kilometer. Will ich Tempo machen, dann ist meine „Lokomotivenrunde“ fällig. Die heißt nicht so, weil ich so schnaufe, sondern weil sie an dieser alten Lokomotive beginnt, die am Kanal steht, in einem Glaskasten. Meine Runde beträgt ziemlich genau 8Kilometer, und die sollte ich dann schon in weniger als 30 Minuten schaffen. Diese Runde nehme ich mir in letzter Zeit wieder häufiger vor, denn schließlich will ich bei den US-Qualifikationen für Olympia 2004 in Athen mein Glück versuchen. Nicht, dass ich mich nicht als Deutsche fühle, aber man muss sich eben entscheiden. Und ich habe mich entschieden, für die USA.

In Wirklichkeit spielt die Nationalität in einer globalisierten Spitzensport-Community keine große Rolle mehr. Wichtig ist, was einer drauf hat. Um meine Leistungsniveau hoch zu halten, trainiere ich in Colorado optimal. Boulder liegt ziemlich genau eine Meile über dem Meeresspiegel. Dort trainieren unglaublich viele Athleten, weil der Körper in der Höhe sehr viel mehr rote Blutkörperchen produziert. Wenn man eine Woche vor dem Wettkampf hinabsteigt, hat man die optimale Wirkung. Kein Spitzenathlet kann heutzutage auf diesen Effekt verzichten.

Was mir an Berlin noch auffällt? Dass immer mehr Menschen laufen. Jedes Mal, wenn ich hier bin, scheinen neue Leute dazuzukommen. Aber es gibt natürlich auch die alten Bekannten. Die sehen mich, stutzen, erkennen mich aber erst, wenn wir schon aneinander vorbei gelaufen sind. Dann schreien sie laut „Yeeeaah“ hinter mir her. Diese Stadt und ihre Läufer muss man einfach lieben.

Aufgezeichnet von Hajo Schumacher

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