Berlin : Ute Becker (Geb. 1942)

Ist endlich ein Kompromiss gefunden, stemmt sie sich doch gegen ihn

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Eine glückliche Familie. Alles auf dem Foto spricht dafür: Auf einer Bank in einem Garten sitzt eine lächelnde Mutter, hält ihr Baby im Arm, daneben sitzt ein lächelnder Vater.

Doch diese Familie ist eine Haftanstalt, in der und um die herum die Hölle herrscht. Schon der friedliche Garten ist ein Trugbild. Auf Berlin fallen Bomben, es dröhnt, es brennt, die Menschen schreien und weinen. Wie sie schreien und weinen in dieser Familie. Die Eltern auf dem Foto lächeln einzig für den Moment, in dem der Fotograf auf den Auslöser drückt. Die Mutter steigert sich Jahr um Jahr, tagein, tagaus hinein in Wutanfälle, beschmiert die Wände der Wohnung mit Sätzen gegen den Vater, wirft mit Gegenständen nach ihm. Wenn sie erschöpft ist vom Schreien, legt sie sich in ihr abgedunkeltes Zimmer. Ute und ihr jüngerer Bruder stellen sich an die Tür und singen leise ein Lied, das sie im Chor gelernt haben: Wachet auf, wachet auf, es krähet der Hahn, die Sonne betritt ihre goldene Bahn.

Ute hält den Lärm nicht aus, das Schreien der Mutter und die berstenden Bomben, wird Lärm nie aushalten können, Radiogeplärr, grölende Männer, zeternde Frauen. Einzig in der Bibliothek beim Vater ist es still, nur das Klappern seiner Schreibmaschine, das Schnurren der Katze. Bis die Mutter hereinkommt.

Mit 15, an einem Sommernachmittag, die Stimme der Mutter neben ihr wird laut und lauter, beginnt sie, sich die Haare auszureißen. Der körperliche Schmerz soll den seelischen überdecken, und eine Perücke die kahle Stelle auf ihrem Kopf.

Doch erfordert dieses Zerren an den Haaren Kraft, die sie in sich trägt, bei allem oder gerade deswegen. Mit 19, noch minderjährig, schmeißt sie ihr Kunstgeschichtsstudium und fährt nach Paris, für neun Monate. Sie zieht zu Tom, dessen Liebhaber wegen Verstoßes gegen den Paragrafen 175 in Deutschland in Haft sitzt, trinkt, diskutiert und tanzt mit ihm, reist in die Bretagne und zu den Schlössern an der Loire. In der Normandie, im Haus eines Freundes, entdeckt sie ein Buch über Lilith, das geflügelte Mischwesen, die Göttin und der Dämon, dessen Heimat die Wüste ist. Ute wird diesen Namen später dem eigenen hinzufügen, wird ihn als Künstlerin verwenden, LiLith, mit einem großen L in der Mitte.

Vorerst aber bewirbt sie sich an der Akademie für Grafik, Druck und Werbung, verabscheut im Grunde jedoch die Werbewelt. Sie fährt nach Italien und schreibt an ihren Vater: „Am 25.8. habe ich angefangen, meine Perücken an den Nagel zu hängen.“ Sie kommt zurück, kellnert, arbeitet in einem Filmverleih, übersetzt, lässt sich von ihrem Vater die Abschlussarbeit schreiben. Und reist nach Israel.

Am 2. August 1973 steigt sie an der Südspitze der Halbinsel Sinai aus einem Bus, vor ihr das Rote Meer, hinter ihr die Wüste. Sie taucht hinab in das warme Wasser, taucht wieder auf, die Berge leuchten in der glühenden Sonne gelb und braun und violett. Stille. Endlich. Sie beginnt zu fotografieren und entdeckt das Material Ton. „Damals war ich LiLith“, schreibt sie in ihrem Buch „Erschütterungen. Der Versuch eines Lebens.“

In Berlin richtet sie sich eine Keramikwerkstatt ein, formt Plastiken, sitzende Frauen, die Beine geöffnet, den Kopf in die Höhe gestreckt.

Mit ihrer schöpferischen Energie erwacht auch die politische. Lediglich über die steigenden Mieten, die Zerstörung der Umwelt zu lamentieren erscheint ihr verlogen und bequem. Sie gründet eine Mietergemeinschaft in ihrem Haus, betätigt sich in der Nachbarschaftsinitiative ihres Viertels, tritt am 5. Oktober 1978, während der Gründungsveranstaltung, der Alternativen Liste bei, wird Bezirksverordnete und Vorsitzende der Fraktion in Charlottenburg.

Die Arbeit, als solche einerseits, mit ihr andererseits, ist aufreibend. Ist endlich ein Kompromiss gefunden, stemmt sie sich doch gegen ihn. Ihre Unruhe, ihre Unduldsamkeit ist schon von Weitem zu erkennen, der Oberkörper nach vorn gebeugt, die Muskeln angespannt.

Draußen, am Meer, im Wald, auf einer Wiese, ohne Autolärm, ohne Musikbeschallung, entspannt sie sich. Liebt es, mit dem Rad zu fahren, sich an einen See zu setzen. Aber zurück in der Stadt, in ihrer Wohnung, diskutiert sie hartnäckig mit ihrem scharfen Verstand, bis alle Weichheit aus ihr gewichen ist.

1984, „Orwells Jahr“, wie sie schreibt, erkrankt sie an Krebs. Der Krieg, die Bomben, die Mutter, der Lärm haben sich zu einem harten Knoten verschlungen, so ihre Deutung. Sie schläft viel, fährt an die Nordsee, zieht sich aus der Politik zurück und beginnt wieder, künstlerisch zu arbeiten. Erlernt die Raku-Technik. Malt Aquarelle, Porträts und Frauenkörper. Sie kauft sich einen Webstuhl wie ihre Mutter, organisiert eine Ausstellung mit deren Bildern. Sie schreibt Essays, kleine Prosastücke, veröffentlicht Gedichte in Anthologien. Ihr Bruder sagt, sie sei sprunghaft, könne sich nicht konzentrieren, fange hundert Dinge an, führe hundert Dinge nicht zu Ende. Sie sagt, das Künstlerische umfasse alles. Und beginnt zu komponieren.

Dann kehrt der Krebs zurück. Sie ist nicht bereit zu sterben. Nach der Chemotherapie, denkt sie, wird es weitergehen. Aber es geht nicht weiter.

An ihrem Grab spricht ihr Bruder. „Sie ruhe in Frieden“ sei der falsche Satz. Er fragt: „Wo geht die Flamme hin, wenn die Kerze erlischt?“

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