Berlin : Ute Helga Dieckmann, geb. 1922

Ursula Engel

Hellwach und voller Interesse blickten Ute Dieckmanns dunkelbraune, fast schwarze Augen schon auf Kindergartenfotos in die Welt. Am Ende der dritten Grundschulklasse stand auf ihrem Zeugnis "Reif für die Sexta". Sie übersprang die vierte Klasse, wurde Gymnasiastin. Leicht hatten die Lehrer es mit ihr dennoch nicht. Als sie sich einmal ungerecht behandelt fühlte, stellte sie den Lehrer erst zur Rede und zerriss dann vor seinen Augen ihr Zeugnis.

Die Eltern reagierten gelassen auf den Zwischenfall. Persönlichkeit, Kreativität und Selbstbewusstsein schätzten sie mehr als Konformität. Ute Dieckmann wuchs auf, umgeben von starken Frauen. Da gab es die Tanten, vor allem aber die Mutter Aggi, eine ausdrucksstarke Persönlichkeit. Zum Elternhaus, der Vater, Rolf Bermbach, war Bauhaus-Architekt, gehörten viele Freunde, überwiegend Künstler und Intellektuelle.

Die unbeschwerte Kindheit brach abrupt ab, als Ute zwölf Jahre alt war. Hautnah erlebte sie, wie ihre Mutter an einer Lungenkrankheit starb. Sie erstickte qualvoll. "Ihr ganzes Leben hatte sie Angst, so zu sterben wie ihre eigene Mutter", sagt Ute Dieckmanns älteste Tochter.

Mit ihrem Vater und den beiden Schwestern zog Ute kurz darauf weg aus dem Rheinland nach Berlin. In der anonymen Großstadt hoffte der Architekt, von dem in Mönchengladbach bekannt war, dass er ein Gegner des Nationalsozialismus war, eine sichere Nische für sich und seine Kinder zu finden. An der neuen Berliner Schule machte die Überfliegerin Ute mit gerade 17 Jahren ihr Abitur und wurde Ärztin. Während ihres Studiums schickte man sie zum Kriegseinsatz in die Ukraine. Erst im Spätsommer 1945 kehrte sie nach Berlin zurück. Im Gepäck, ein roter Stern - das Geschenk eines russischen Soldaten, mit dem sie sich angefreundet hatte - und eine Auswahl von russischen Flüchen. Den emaillierten Stern bewahrte sie jahrzehntelang auf. Die Geschichten aus der Ukraine und die russischen Flüche lernten noch die Enkel kennen.

1948 heiratete Ute den Arzt Hannes Dieckmann. Bis 1955 arbeiteten beide in einer gemeinsamen Praxis, dann stieg Ute Dieckmann für fast zehn Jahre aus dem Berufsleben aus. Sie kümmerte sich um die insgesamt vier Kinder, organisierte den Haushalt und legte großen Wert auf ein ästhetisches harmonisches Zuhause. "Ute liebte klare Formen. Es gab bei uns nie irgendwelchen Nippes." Stattdessen dominierten Bauhausmöbel und moderne Bilder die stets aufgeräumte Wohnung. Die Mutter habe geradezu allergisch auf alles reagiert, was in ihren Augen spießig gewesen sei. "Deshalb bekam ich auch als Kind - obwohl ich sehr gerne welche gehabt hätte - weder Lackschuhe noch Blümchenkleider mit Rüschen und Volant", sagt die Tochter.

Ute Dieckmann haderte nie damit, die Karriere für die Kinder unterbrochen zu haben. Sie wurde aber auch nicht zum aufopfernden unsichtbaren Heimchen am Herd. Als die jüngste Tochter sechs Jahre alt war, begann Ute Dieckmann eine Fortbildung zur Psychoanalytikerin. Danach lehrte sie am C.G. Jung Institut. So sehr Ute Dieckmann ihre Arbeit liebte, die Familie blieb für sie das Zentrum. An der Entwicklung der Kinder und schließlich auch der langersehnten Enkelkinder nahm sie in vielfacher Hinsicht Anteil. Sie interessierte sich nicht nur für die Schulkarrieren und Bücher der größeren Enkel, sondern ebenso für die Namen der neuen Kaninchen der jüngsten Enkeltochter.

"Was für eine außergewöhnliche Karriere sie als Mutter von vier Kindern gemacht hat, ist mir erst bei der Beerdigung so richtig klar geworden", sagt die Tochter. "Da stellte sich heraus, wie viele Leute meine Mutter kannten, wie sehr sie von Kollegen und Patienten verehrt wurde und wie wichtig vielen ihr Urteil gewesen ist."

Schwere Krankheiten vom Herzinfarkt über einen Hirntumor bis hin zum Lungenkrebs schränkten die Bewegungsfreiheit Ute Dieckmanns in den letzten Jahren mehr und mehr ein. Ihre Praxis mit eigenen Patienten führte sie dennoch bis kurz vor ihrem Tod weiter. Schon im Januar wusste sie, dass sie beim geplanten Familienurlaub im Sommer nicht dabei sein würde. Gesagt hat sie es erst später. Sie wollte niemanden belasten. Der Lungenkrebs schritt schnell voran. Obwohl sie schließlich die Krankheit bekam, vor der sie sich ein Leben lang gefürchtet hatte, konnten die Ärzte ihr die Angst und vor allem die Schmerzen nehmen. Es blieb ihr genug Zeit, um sich von Familie und Freunden zu verabschieden. Sie vermisse nichts im Leben, sagte sie kurz vor ihrem Tod zur ältesten Tochter, aber einmal wäre sie doch gerne auf den holländischen Grachten Schlittschuh gelaufen. Das Bild der Schlittschuhläufer, gemalt von einem holländischen Meister, gaben ihr die Kinder mit ins Grab.

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