Berlin : Ute Wächter (Geb. 1962)

„Nach dem aktuellen Stand der Dinge sind Sie gesund!“

Gregor Eisenhauer

Das Letzte, woran man bei ihr dachte, war der Tod. Sie blieb bildschön bis zuletzt, obwohl sie die letzten sechs Jahre im ständigen Krieg mit der Krankheit lag. Ein Zufallsbefund. Sie hatte sich abgespannt gefühlt, häufig über Rückenschmerzen geklagt, diffuse Beschwerden, die kein Arzt näher hinterfragen wollte. Bis ein Chirurg es einfach ertastete. Ein mandarinengroßer Tumor im Weichgewebe. Bösartig. Sehr selten, aber die Heilung schien möglich durch die großräumige Operation.

„Frau Wächter, nach dem aktuellen Stand der Dinge sind Sie gesund!“

Die Chemotherapie blieb ihr erspart, das war die gute Nachricht; die schlechte, in den Entlassungspapieren stand ein falscher Befund: Man hatte ihren sehr seltenen Tumor mit einem häufiger auftretenden verwechselt.

Zwei Jahre schien alles gut zu gehen, dann kamen die Beschwerden wieder. „Aber liebe Frau Wächter, Sie sehen doch jünger und gesünder aus als ich!“ Die Fachärztin wiegelte ab, selbst als die Beschwerden stärker wurden. „Grippale Gefühle?! Haben Sie denn keinen guten Hausarzt, zu dem Sie gehen können?“

Zu diesem Zeitpunkt waren bereits zwei neue Knoten ertastbar. „Kommen Sie in vier Wochen wieder.“ Die genauere Untersuchung ergab: Metastasen überall.

Eine Kapazität nahm sich ihrer an, ein Spezialist für jenen Tumor, der in ihren Entlassungspapieren stand. Der Professor war sehr angetan von ihrer Schönheit, sehr zuversichtlich, was die Heilungschancen mit einem ganz neuen, sehr teuren Medikament anbelangte.

„Eine wunderbare Fügung“, so fand er, „und die Heilung würde ich gern filmisch dokumentieren lassen.“

Drei Monate später ergab die Nachuntersuchung, dass sich der Krebs weiter ausgebreitet hatte. Das Medikament hatte nicht angeschlagen, konnte gar nicht wirken, denn es handelte sich ja – das ergab die erst jetzt durchgeführte Laboruntersuchung – um einen anderen Tumor. Haftbar für diesen Irrtum war niemand, denn die ursprünglichen Befunde waren nicht mehr auffindbar; ein Wasserschaden, so hieß es.

Damit war der Fall für den Professor erledigt. Und der Film natürlich auch. Sie wurde weitergereicht. Keine Kraft zur Anklage, obwohl sie so vieles als demoralisierend empfand: für drei todkranke Menschen eine Gemeinschaftstoilette, Männer und Frauen gemeinsam. Das Gebaren vieler Ärzte, die als Gesundungstechniker auftraten, zuweilen die Grenze zur Menschenverachtung streifend. So wurde sie eines Nachts von einer Ärztin mit der Frage geweckt: „Hat man Ihnen in den letzten Wochen eigentlich mal die Wahrheit über ihren Zustand gesagt?“

Der Verlust an Intimität in den Wartezimmern, wo sich Schwer- und Schwerstkranke wechselseitig auf ihre Verfallssymptome hin taxierten.

Drei Tränen höchstens, dann hat sie aufgehört zu klagen. Vor der anstehenden stationären Chemotherapie schnitt sie sich die Haare selbst ab. Sie glaubte an ihr Überleben. Sie wollte die Einschulung ihres Sohns erleben, Weihnachten mit der Familie, den fünfzigsten Geburtstag ihres Mannes.

Diese Lebensfreude war ihr nicht in die Wiege gelegt worden. Ihr Vater blieb zeitlebens auf studienrätliche Weise ungelenk mit den Kindern, die Mutter war hartherzig von Natur aus oder kalt geworden durch das Erlebnis der Vertreibung. Sie blieb kalt bis zum Schluss. „Unstetes Leben führt eben zu Krebs“, triumphierte sie wenige Wochen vor dem Tod ihrer Tochter.

Ute verliebte sich mit achtzehn, was die Eltern zum Anlass nahmen, sie aus dem Haus zu werfen. Sie machte dennoch ihr Abitur, und tappte, wohl ihren Eltern zuliebe, in die Falle, die schon vielen Töchtern aus gutem Haus zum Verhängnis wurde: Sie studierte Jura.

In Berlin begann sie aufzuleben. Keine Aktivistin des Exzesses, sondern einfach die Lebensfreude in Person. Darunter litt zunächst ein wenig das Studium, bis sie Marcus traf und beide einander erdeten.

Nach dem ersten Staatsexamen wurde sie schwanger. 36 Stunden Geburtsschmerzen. Xenia war keineswegs von der Notwendigkeit überzeugt, zur Welt zu kommen, und drückte sich, willensstark, wie sie von klein auf war, die Nabelschnur eigenhändig zu bis zur Ohnmachtsgrenze, und ließ wieder los, und drückte wieder zu.

Xenia blieb misstrauisch dem Leben gegenüber und wurde mit zwei Jahren schwer krank. Ute pflegte sie, holte sie zurück. Als die Mutter selbst krank wurde, mochte das Xenia nicht glauben und versuchte sie durch ein sehr rustikales Betragen zur Genesung zu zwingen. Carl hingegen wollte die Mutter durch vermehrte Liebe ans Leben binden.

Carl war ein Frühchen, denn zum Zeitpunkt seiner Geburt war Ute wohl schon krank. Er kam am Einschulungstag der Tochter zur Welt, was die Geschwisterliebe zunächst auf eine harte Probe stellte. Ute hat ihn aufgepäppelt, sie gab ihm Kraft, wie sie allen immer Kraft gab, bis zuletzt. Sie selbst gönnte sich nicht allzu viel, Urlaube in Italien, die Sonne und den Glauben, dass es vielleicht doch gut ausgehen würde. Bis zum Schluss behielt sie die Kontrolle über alles, auch über ihre Gefühle. Sie half eher, als dass sie sich helfen ließ.

Die Schmerzen, die sie durchlitt, waren nur in ihren Bildern zu ahnen, in Gesprächen schwieg sie sich aus. Sie wollte froh in Erinnerung bleiben: „Auf der Beerdigung müsst ihr Sekt trinken“, bat sie. Und als der Sarg sich senkte, stiegen die Luftballons mit all den guten Wünschen auf. Keiner verfing sich in den Bäumen. Alle wehte ein starker Wind in den Himmel. Gregor Eisenhauer

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben