Berlin : Väter im Erziehungsurlaub: Eine seltene Spezies

Lars von Törne

Männer wie Jury Sisko sind es, die Bundesfamilienministerin Bergmann als "neue Väter-Generation" bezeichnet. Kurz nachdem seine Frau das zweite Kind bekommen hatte, ging der 30-jährige Techniker aus Kreuzberg zu seinem Chef und beantragte ein Jahr Erziehungsurlaub. "Der Beruf ist wichtig, aber es gibt auch wichtigeres", sagt der junge Vater, während er mit dem knapp einjährigen Antonio und dem dreijährigen Sebastian in der Sandkiste ihrer Kita spielt. Das Geld verdient derweil seine Frau, die in ihren gut bezahlten Job zurückgekehrt ist. Bereut hat Sisko die Entscheidung noch kein einziges Mal. "Ich habe erst jetzt eine Beziehung zu meinen Kindern entwickelt und entdecke jeden Tag etwas Neues." Und wenn er hinterher im Beruf schlechter dasteht? "Für die Erfahrungen, die ich im Moment mache, bringe ich gerne Opfer."

So sieht es wohl aus, das gewandelte Rollenverständnis von jungen Vätern, das Christine Bergmann zu Wochenbeginn bei der Präsentation einer neuen Studie beschrieben hat. In Berlin - wie allerorts - sind Väter wie Jury Sisko jedoch nach wie vor eine seltene Spezies. Gerade mal 534 Männer - 1,2 Prozent - haben nach Angaben der Senatsjugendverwaltung im vergangenen Jahr eine Elternzeit genommen, wie diese Phase heute offiziell genannt wird. Damit liegen die Berliner Väter sogar noch hinter dem Bundesdurchschnitt von inzwischen immerhin knapp zwei Prozent männlicher Erziehungsurlauber.

Für viele Familien ist das weniger eine Frage der Einstellung als des Geldes. "Ich hätte gerne mehr Zeit für meine Kinder - aber ich muss doch auch das Geld verdienen", sagt Kadim Aslan. Der selbstständige Fußbodenleger versucht trotzdem, seine Arbeitszeiten so zu legen, dass er den dreijährigen Sohn Can morgens zur Kita bringen kann und nach Feierabend noch ein paar gemeinsame Stunden mit Can und der 13-jährigen Yonca hat. Dafür hat er beruflich zurückgesteckt. "Ich hätte mich hocharbeiten können", sagt er. "Aber dann würde ich meine Kinder nur am Wochenende sehen, und das wäre es mir nicht wert."

Auch Martin Muser versucht, Vollzeitarbeit und den Wunsch nach viel Zeit für die Familie unter einen Hut zu bringen. "Ich bin Unternehmer und bekäme einen Erziehungsurlaub nicht bezahlt", sagt der 35-jährige Dramaturg und Autor. Während des ersten Lebensjahres ihrer jetzt zweijährigen Tochter Henriette haben er und seine Frau beide halbtags gearbeitet. Vor einer Woche kam die zweite Tochter zur Welt, jetzt arbeitet Muser wieder ganztags. Für seine Familie hat er trotzdem genug Zeit, findet er. "Wir haben morgens und abends je zwei Stunden zusammen", sagt er. "Das reicht."

In vielen Berliner Betrieben ist von den "Neuen Vätern" bisher nur wenig zu spüren. Trotz der Gesetzesnovelle, die seit Jahresbeginn die Elternzeit für Väter attraktiver machen soll, ist die Nachfrage seitens der Männer bislang "mau", wie eine Siemens-Sprecherin sagt. "Die meisten Männer haben sich noch nicht dran gewöhnt, die Erziehung auch als ihre Aufgabe anzusehen." Auch die Nachfrage der Väter nach flexibleren Arbeitszeiten "hält sich in engen Grenzen". Bei Schering ist bei den meisten männlichen Beschäftigten "das Rollenverständnis immer noch so, wie man es von früher kennt", sagt Sprecher Robert Ungnad. Von den knapp 6000 Berliner Beschäftigten des Konzerns befinden sich derzeit ganze zwei Männer im Erziehungsurlaub.

Manche Väter haben auch so genug Zeit für ihre Kinder. "Bei uns übernehmen meine Freundin und ich jeweils die Hälfte der Erziehung", sagt der zweifache Vater Karl Heinz Riedel. "Im Moment verbringt der 46-Jährige besonders viel Zeit mit Tochter Kiva Natalie und Sohn Nikolas: "Ich bin vorübergehend arbeitslos." Aber auch wenn er Arbeit hat, käme für den Agraringenieur ein Erziehungsurlaub nicht in Frage: "Ich arbeite in zeitlich befristeten Projekten und kann mir meine Arbeitszeit flexibel einrichten", sagt er. "Da bleibt immer genug Zeit für die Kinder übrig."

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