Väter-Kolumne : Was macht die Familie? Stolpersteine suchen

Kolumnist Moritz Döbler wollte neulich im Tagebuch von Anne Frank blättern, doch es war verschwunden. Er kaufte ein zweites Exemplar - und kam mit seinem Sohn ganz neu ins Gespräch.

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Verlegung des Stolpersteins für Herthas ehemaligen Mannschaftsarzt Dr. Hermann Horwitz.
Verlegung des Stolpersteins für Herthas ehemaligen Mannschaftsarzt Dr. Hermann Horwitz.Foto: Thilo Rückeis

Neulich wollte ich im Tagebuch von Anne Frank etwas nachschauen, aber es war weg. Ich hasse das. Ich gehöre zu den Menschen, bei denen sich über alle Lebensabschnitte hinweg Bücher ansammeln, und wenn dann ausgerechnet die wichtigsten fehlen, bin ich sauer. Allerdings ist es eben auch so, dass ich nur die wichtigsten verleihe, denn die anderen empfehle ich ja nicht. Das ist aber sowieso selten geworden, niemand will mehr Bücher geliehen haben. Jedenfalls habe ich mir für 7,95 Euro ein neues Exemplar des Tagebuchs gekauft, und als ich die gesuchte Stelle nachgelesen hatte, habe ich es Leo geschenkt.

Er hat sich tatsächlich gefreut, hat gar nicht dieses pubertäre Mackergetue an den Tag gelegt, das sich zunehmend wie ein dünner Ölfilm über seine liebenswerten Eigenschaften legt. Wir haben uns lange über Anne Frank unterhalten, er hat im Buch herumgeblättert, aber so richtig gelesen hat er es trotzdem nicht.

Es liegt neben seinem Bett, ich denke, ich sollte es ihm vorlesen. Ich habe so viel vorgelesen, als er klein war. Das waren besonders innige Momente, aber sie sind verschwunden. Ich habe Leo erzählt, dass ich ihm abends wieder vorlesen möchte. Er hat sich auch darüber aufrichtig gefreut, glaube ich. Jetzt ist es an mir.

Anne Frank hat das Tagebuch, das sie Kitty genannt hat, zum 13. Geburtstag bekommen. Leo bekommt zu seinem 12. Geburtstag in zwei Wochen ein iPhone. Was das bedeutet? Ich weiß es nicht. Aber ich denke, es bietet Chancen. Das Projekt Stolpersteine könnte zum Beispiel enorm gewinnen, wenn es eine App hätte. Dann könnte Leo mit dem iPhone samt Ortungsdienst irgendwo in Berlin stehen und schauen, welche der mehr als 5000 Stolpersteine in seiner Nähe liegen und welche Biografien sich dahinter verbergen. Bis es so weit ist, planen wir mit der normalen Website einen Ausflug. Und ich lese vor.

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Stolpern mit Kopf und Herz

In unserer Gegend liegen nur zwei Stolpersteine, direkt nebeneinander: Im Sakrower Kirchweg 70 a wird des Ehepaars Johanna und Louis Schloss gedacht, das die Nazis 1942 nach Riga deportierten und dort ermordeten.

Anne Franks Tagebuch gibt es als Fischer-Taschenbuch. Über die interaktive Karte auf der Website www.stolpersteine-berlin.de lassen sich die Steine in der Nachbarschaft finden.

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