Berlin : Valentin Janocha, geb. 1914

Ursula Engel

Die postkartengroßen, grauen Kladden fanden am Schluss kaum noch Platz in einem Koffer. Jede Seite der kleinen Büchlein hat Pater Ingbert mit regelmäßigen leicht geneigten Buchstaben beschrieben. Es sind die Tagebücher eines Mannes, der schon immer wusste, was er wollte: Priester werden.

Pater Ingbert, der als Valentin Janocha 1914 im oberschlesischen Schlacken bei Oppeln geboren wurde, war derart unbeirrbar und ohne Zweifel darin, dass es selbst seine Mitbrüder aus dem Franziskanerorden erstaunt. Schließlich ist der Wunsch, Priester zu werden, bei den meisten, die ihn hegen, von großen Zweifeln begleitet. Geradezu außergewöhnlich fest und bisweilen starr sei Pater Ingbert ihm manchmal vorgekommen, sagt Pater Josef, der die letzten neun Jahre mit ihm zusammen im Franziskanerkonvent am Ludwigkirchplatz in Wilmersdorf verbrachte. "Seine Haltung erschien mir manchmal übermenschlich", sagt er. "Doch Pater Ingbert war keiner, der anderen etwas vormachte. Er hatte wirklich keine Zweifel an seinem Glauben, an seinem Gott, an seiner Kirche."

In seinem Lebenslauf, den Pater Ingbert "für den Fall meines Todes" 1996 verfasst, schrieb er: "Eine sogenannte Identiätskrise kannte ich nicht."

Viele Biografien hat der Kriegsausbruch 1939 durcheinander gewirbelt. Auch Pater Ingberts Pläne wurden erst einmal durchkreuzt. Er war damals 25 Jahre alt und bereits in den Franziskanerorden eingetreten. Im Studium war er gut vorangekommen, lange sollte es nicht mehr dauern, bis der Pater zum Priester geweiht worden wäre. Nun aber wurde er als Sanitätssoldat eingezogen und kam nach Frankreich. "Dort probten wir den Angriff auf England, wurden mit Schwimmwesten, Seenottabletten ausgestattet, übten das Erklettern der Steilküste bei Dieppe, machten auf der Seine zwischen Rouen und Le Havre Landeübungen", schrieb Pater Ingbert. Plötzlich verlegte man die Kompanie in den Osten. Der Russlandfeldzug begann für Pater Ingbert und seine Gruppe am 22. Juni 1941 um 3.00 Uhr. Eine Wirbelsäulenverletzung zwang ihn ein Jahr später zu einem monatelangen Lazarettaufenthalt.

Nach einigen Verlegungen geriet er schließlich mit seiner Kompanie in französische Gefangenschaft. In Orleans wurden damals alle Gefangenen, die einen theologischen Hintergrund hatten, zusammengebracht. Man brauche Gefangenenseelsorger, hieß es. Pater Ingbert wurde einer von ihnen. Und endlich, zu Weihnachten 1945 wurde er in der Kathedrale von Chartres zum Priester geweiht. "Es war die spannendste Zeit meines Lebens", schrieb Pater Ingbert im Lebenslauf. In den folgenden drei Jahren arbeitete er als Seelsorger für die Geistlichen im deutschen Lager - für die Gefangenenseelsorger, für Ordensbrüder und Schwestern. Hier lernte er auch Abbé Franz Stock kennen, der nun seliggesprochen werden soll, und er begegnete Giuseppe Roncalli, dem späteren Papst Johannes XXIII.

Pater Ingbert kam 1948 mit den letzten Gefangenen aus Frankreich nach Deutschland zurück. Im Orden war man schon länger auf seine schnelle Auffassungsgabe aufmerksam geworden. Jetzt, nach dem Krieg, bot man ihm an, eine wissenschaftliche Laufbahn einzuschlagen. Er sollte weiter studieren. Doch Pater Ingbert lehnte ab. Er wollte auf jeden Fall Seelsorger bleiben. Der Orden akzeptierte seinen Wunsch und machte ihn zum Volksmissionar. Nach einem kurzen Abstecher nach Westfalen kam Pater Ingbert 1949 in die sowjetische Besatzungszone. Seine Überzeugung und seine ungeheure Disziplin machten aus ihm einen Seelsorger mit den Qualitäten eines Marathonläufers.

Über 200 Mal hielt er in der DDR "Volksmissionen" ab: Der Priester, der keine eigene Gemeinde hatte, predigte an vielen Orten des Landes, feierte den Gottesdienst, nahm Beichten ab und kümmerte sich um die Katholiken des Ortes. "Die ganze DDR war meine Gemeinde", schrieb er später. An einem Tag schaffte er zwischen Morgen- und Abendgottesdienst bis zu 30 Hausbesuche. Pater Ingbert besuchte Schwesternkonvente, sprach vor Priestern und Laien. Mehr als 40 Jahre war diese Akkordarbeit für den Glauben der Inhalt seines Lebens.

Ein Selbstdarsteller war Pater Ingbert in all den Jahren nie. Nur an seinem Tagebuch, der Chronik seines Lebens, schrieb er eifrig weiter. In akkurater Handschrift notierte er Ereignisse und Erlebnisse in den grauen Kladden. Die Tagebücher sind jetzt, nach Pater Ingberts Tod, im Besitz des Ordens. Dass Pater Ingbert darin vielleicht doch den einen oder anderen Zweifel formuliert haben könnte, hält sein Mitbruder für ausgeschlossen. Allerdings: Gelesen hat die Tagebücher noch keiner. Pater Ingbert hat sie in altmodischem Steno verfasst. Das können nur noch wenige verstehen. So wie ihn.

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