Berlin : Vamp und Engel: Lya de Putti - "unbekannt, wie ein Dorf in China"

Heidemarie Mazuhn

In den zwanziger Jahren bewegte ihr Skandal umwittertes Leben die Klatschmäuler in Berlin, ihre Filme die Zuschauer in ganz Europa. Als sie 1931 stirbt, hat sie in 32 Filmen gespielt, ist erst 33 Jahre alt und schon wieder "unbekannt wie ein verlassenes Dorf im hintersten China". Der Berliner Chirurg Johannes Zeilinger hat dieses vergessene Leben wieder entdeckt - "Lya de Putti - Vamp und Engel" heißt seine Ausstellung über den Stummfilmstar, die heute im Haus Ungarn eröffnet wird. Schon der Name ist geheimnisvoll - Lya de Putti, so heißt doch kein Mensch. Und doch stimmt es - als Amalia Helena Maria Roza Putti wurde der Leinwandvamp, den Joe May 1921 in Berlin für seinen Film "Das Indische Grabmal" entdeckte, am 18. Januar 1896 als viertes Kind der gebürtigen Gräfin Maria Katarina von Hoyos und des K.u.K.-Offiziers Julius de Putti im damals ungarischen Vesce geboren.

Bereits mit 16 Jahren heiratet Amalia den Distriktrichter Zoltan de Szepessy. Vier Jahre später verlässt sie Mann und inzwischen zwei Töchter, um in Budapest, Bukarest, Oslo und ab 1920 in Berlin mit allen Mitteln - und auch Männern - auf Bühne und Leinwand zu streben. Um den gesellschaftlichen Fauxpas zu vertuschen, veranstaltet der verlassene Ehemann ein Scheinbegräbnis - sechs schwarze Pferde sollen den Sarg gezogen und Millionen Blumen das Familiengrab geschmückt haben. Dorthin bringen jahrelang jeden Sonntag die Töchter Ilona und Judit ihrer toten Mutter so lange Blumen ans Grab, bis sie irgendwann erfahren, dass diese nicht nur lebt, sondern ein großer Filmstar ist. Das und viel mehr über den "Engel und Vamp Lya de Putti" hat Johannes Zeilinger jahrelang obsessiv zusammengetragen und stellt es im vergangenem Herbst in Budapest und jetzt in Berlin aus.

Angefangen hat alles 1979. Da bezog der Chirurg in Schöneberg eine Wohnung in der Treuchtlinger Straße 1. Als die Straße - noch nicht von den Nazis umbenannt - Haberlandstraße hieß, war das die Adresse von Lya de Putti. Dass die ihm bis dato unbekannte Diva (sich?) ausgerechnet von seinem Balkon im Winter 1924 in den verschneiten Vorgarten stürzte und dort verletzt liegen blieb, gehörte neben einer Starpostkarte vom Flohmarkt zu den ersten Dingen, die Zeilinger mit seiner Vormieterin bekannt machten. Der gebürtige Oberbayer fing Feuer und begann, nach der Frau zu forschen, die man 1921 in Amerika als "The Vamp of Berlin" beschrieb und in Deutschland 1924 durch eine Umfrage der "Neuen Illustrierten Filmwoche" zum beliebtesten Filmstar gewählt wurde - vor Henny Porten, Lil Dagover und Asta Nielsen.

Ihr Auftritt neben Emil Jannings in Duponts Film "Varieté" wird 1925 für die Putti zum Höhepunkt ihrer filmischen Karriere und bringt ihr einen Ruf nach Amerika ein. Dem folgt die Diva so überstürzt, dass sie in Berlin unbezahlte Rechnungen von 100 000 Reichsmark hinterläßt, was ihr in Abwesenheit einen Arrestbefehl des Amtsgerichts Schöneberg einbringt. Dabei ist die Eile umsonst.

In Amerika beginnt gerade die Ära der blonden Leiwandgöttinnen, Lya de Puttis Image als lasziv-erotischer Vamp lässt die Amerikaner mit ihr nicht warm werden. Der Siegeszug des Tonfilms stürzt den Star des deutschen Stummfilms in New York vollends in die Bedeutungslosigkeit. Dies aber nur kurz. Am 27. November 1931 meldet die New York Sun den Tod von Lya de Putti.

Ihr Ende ist wie ihr Leben - exzentrisch. Aus Liebeskummer zu Walter D. Blumenthal war Lya de Putti in den Hungerstreik getreten. Das sollte der Erpresste - einer der begehrtesten Junggesellen New Yorks, dem die Familie die Heirat mit der "Schickse" verboten hatte - jedenfalls denken. Heißhungrig verschlang die Putti heimlich aber ein Hühnchen und verletzte sich den Hals mit einem Knochen - "doppelseitige Lobärpneunomie nach Fremdkörperingestion" meldet das Harbor Sanatorium als Todesursache.

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