Berlin : Vampire im Schlafzimmer

Wenn es Nacht wird, flattern Fledermäuse zuweilen durchs offene Fenster – doch sie sind friedlich und suchen nur ein Winterquartier

Rainer W. During

Der Schock kam kurz nach Mitternacht. Plötzlich kurvte ein unbekanntes Flugobjekt durch das Schlafzimmer der Berlinerin, die im vierten Stock eines Mietshauses am Rande des Tiergartens wohnt. Eine Fledermaus hatte sich durch das geöffnete Fenster in die Wohnung verirrt und drehte über dem Bett ihre Runden. Zu dieser Jahreszeit ein gerade in der Großstadt immer häufigeres Phänomen. „Ruhe bewahren“, lautet der Rat der Experten. Die nachtaktiven Insektenfresser sind ungefährlich und verschwinden meist nach kurzer Zeit von allein wieder.

Die Frau hatte noch Glück, dass es sich um einen Einzelgänger – vermutlich eine Breitflügelfledermaus – handelte. Die kleineren Zwergfledermäuse treten dagegen meist in Schwärmen auf. Der Rekord steht bei rund 70 Tieren, die sich in einer Wohnung im Prenzlauer Berg niederließen, berichtet der Naturschutzbund. Und selbst Umweltminister Jürgen Trittin (Grüne) – häufiger Schirmherr des Europäischen Festes der Fledermäuse – hatte kürzlich eine Fledermaus zu Gast in seinem Büro. „Das Tier ist fachgerecht gerettet worden und befindet sich wieder in Freiheit“, vermeldete Ministeriumssprecher Jürgen Maas.

Warum sich die Fledermäuse bei der bereits jetzt einsetzenden Suche nach Winterquartieren vermehrt in Wohnungen verirren, kann sich auch der Experte Carsten Kallasch nicht erklären. Ob durch die zunehmende Altbausanierung Nistplätze weggefallen sind oder sich die Zahl der Tiere einfach erhöht hat, ist bisher unbekannt. Susanne Rosenau, Fledermausbeauftragte des Senats, spricht von einem „ganz natürlichen Phänomen“, das auch in der Literatur als „invasionsartiger Einflug“ beschrieben wird. Möglicherweise nutzen die jetzt etwa acht Wochen alten Jungtiere auch das schöne Wetter zu besonders ausführlichen Erkundungen möglicher Winterquartiere, meint Kallasch. In der Regel, darin sind sich die Fachleute einig, verschwinden die Fledermäuse bei geöffnetem Fenster von selbst wieder, manchmal allerdings erst eine Nacht später.

Angst braucht man vor den Tieren nicht zu haben. Zwar können Fledermäuse in seltenen Fällen an einer speziellen Form der Tollwut erkranken, deren Übertragbarkeit auf Menschen bisher ungeklärt ist, sagt Carsten Kallasch. Doch die Flattertiere, die sich jetzt in Wohnungen verirren, sind „quicklebendig“, weiß auch Susanne Rosenau. Wer sich traut, kann auch versuchen, die ruhende Fledermaus vorsichtig mit einem Handtuch zu greifen und in einen Schuhkarton zu setzen. Dazu sollte man ein Schälchen Wasser geben, keinesfalls dagegen Hunde- oder Katzenfutter. Bei Dunkelheit kann das Tier dann ausgesetzt werden. Für den Notfall sind die Experten unter den Rufnummern 79706287 (Kallasch) oder 33290578 (Rosenau) erreichbar.

Weil nicht jeder Berliner nächtlichen Vampir-Besuch schätzt, empfehlen Fachleute das Anbringen von Fliegengittern. Dagegen machen die über manche Innenhöfe gespannten Taubennetze den Artenschützern zu schaffen. Schlüpft die erste Fledermaus durch die Maschen, folgen weitere nach. Weil sie nach unten hin wegfliegen, ist ihnen dann der Fluchtweg versperrt. Kommt keine rechtzeitige Hilfe, können die Tiere verdursten oder verhungern. Für die Fledermäuse, so hat Carsten Kallasch festgestellt, existiert die Berliner Mauer übrigens noch. In den Ostbezirken dominiert die auf Altbauritzen fixierte Zwergfledermaus. Die größeren Arten haben sich dagegen den Neubauten angepasst.

Wer Fledermäusen helfen möchte, kann beim Umbau seines Hauses spezielle Fledermausziegel einbauen lassen, Fledermausbretter oder Flachkästen installieren. Eine entsprechende Bauanleitung gibt es auf der Internet-Seite des Berliner Artenschutzteams unter der Adresse www.berliner-artenschutz.de .

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