Berlin : Vaters Gänsehaut

Berliner Schulklassen nehmen am Wettbewerb teil

Silke Zorn

Mucksmäuschenstill und mit erwartungsvollen Gesichtern sitzen die Mädchen und Jungen im Stuhlkreis, während ihr Klassenkamerad Philip mit unheilvoller Stimme den Titel seiner Geschichte verkündet: „Außergewöhnlich – schrecklich – aber wahr“. Dann entführt er seine Mitschüler in eine Gemäldegalerie, in der, oh Schreck, plötzlich alle Lichter ausgehen – ein raffinierter Kunstraub? Der Museums-Kobold? Nein, zum Glück nur ein simpler Stromausfall.

Die 15 Schüler der Andersen Grundschule in Pankow nehmen, wie insgesamt 33 Berliner Schulklassen, mit ihrer Lehrerin Andrea Freese am Erzählwettbewerb des Tagesspiegel teil und haben dafür vier Wochen lang einen Klassensatz der Zeitung frei Haus erhalten. Einfälle hatten die Elf- und Zwölfjährigen jede Menge – von rätselhaften Inschriften, seelenhungrigen Geistern und ausgestopften Exponaten, die urplötzlich zum Leben erwachen. „Mein Vater hat eine Gänsehaut bekommen, als ich ihm meine Geschichte vorgelesen habe“, verrät Nachwuchsautorin Sofia.

Reihum tragen die Schüler ihre Geschichten vor, anschließend gibt es Feedback: Welche Stellen waren besonders spannend? Wo gab es Ungereimtheiten? Dabei verteilen die Kinder ganz offen Lob und Kritik, bleiben aber immer fair und spenden nach jeder Erzählung ordentlich Applaus.

„Schön und cool und unheimlich“, findet zum Beispiel Mehmet die Geschichte von Sofia, in der sie im Museum geheime Schriftzeichen fotografiert und seitdem geisterhafte Stimmen hört. Aber auch Mehmets eigene Erzählung jagt einem kalte Schauer über den Rücken: Er wird im stockdunklen Museum von einem Zombie verfolgt – doch keine Panik, alles war nur ein Scherz! So steht es zumindest auf einem Zettel an der Museumspforte.

Andrea Freese ist begeistert von so viel Einfallsreichtum. Und sie findet es erstaunlich, wie wortgewandt und nahezu fehlerfrei die Kinder ihre Ideen in Worte fassen können. Denn 13 ihrer Schüler stammen aus nichtdeutschen Familien und reden mit ihren Eltern häufig nur in deren Heimatsprache. Aus Ländern wie Polen, der Türkei, Bangladesch, der Mongolei kommen sie – ihren Geschichten merkt man das allerdings nicht an.

Auch die Viertklässler von Evelin Lubig-Fohsel, Lehrerin an der Aziz-Nesin-Grundschule in Kreuzberg, machten sich mit Eifer ans Erzählen. Und sie haben einige Geschichten der Tagesspiegel-Serie „Eine Nacht in der Südsee“ gelesen; zum Beispiel Sabine Ludwigs Geschichte von Jonas, dem kleinen Jungen mit dem großen Wunsch – Papa soll wieder zu Hause einziehen. „Das ging den Schülern wirklich nahe“, sagt Evelin Lubig-Fohsel, „denn viele von ihnen sind selbst Trennungskinder.“

Um auf gute Ideen für Geschichten zu kommen, machte Daniela Mroncz mit ihren Schülern der Friedrich-Bayer-Oberschule ein Brainstorming zum Thema „Museum“. Dinosaurier, Mumien, wertvolle Gemälde und Statuen, ja sogar Schokolade kamen den Jugendlichen in den Sinn – logisch, Museen gibt es schließlich für alles mögliche, selbst für Schokolade.

Übrigens können sich alle Schüler oder Lehrer, die am Erzählwettbewerb teilnehmen, auch Unterstützung holen: Das Schreibzentrum der Pädagogischen Hochschule Freiburg bietet Online-Beratung rund ums Schreiben. Wer seine Geschichte dorthin mailt, erhält ein Feedback von Mitarbeitern des Zentrums.

Evelin Lubig-Fohsel und ihre Schüler ließen sich allerdings auf andere Art inspirieren: Im Ethnologischen Museum, in dem sich die Autoren unserer Serie im Schein der Taschenlampe Anregungen für ihre Geschichten holten.

Informationen zum Schreibzentrum der PH Freiburg im Internet unter: www.ph-freiburg.de/schreibzentrum

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