Berlin : Vera Güls (Geb. 1957)

Es anders machen. Die Welt verbessern. Spaß dabei haben.

Sandra Stalinski

Wo Vera wohn- te, stand die Tür immer offen. Die WG im Wrangelkiez bestand aus zwei Wohnungen. Die eine hatte die Küche, die andere das Bad. Hier der Männertrakt, dort der Frauenflügel. Durch die Zimmer wehte noch der Wind von 68, die Nächte waren zum Diskutieren da. Und Vera hatte immer einen Standpunkt. Auch wenn der manchmal unhaltbar war.

Vera kam Anfang der siebziger Jahre nach Berlin. Mit Richard, dem Saxofonisten. Berlin, das war der Inbegriff von Freiheit und Selbstverwirklichung. Und die begann in einer Einzimmerwohnung in Schöneberg, mit Klo auf halber Treppe. Durch Richard und seine Musik lernte sie schnell neue Leute kennen. Die Clique hatte drei Vorsätze: 1. Es anders machen als die Eltern. 2. Die Welt verbessern. 3. Gefälligst Spaß dabei haben.

Einige aus der Gruppe, Vera mittendrin, renovierten eine alte Wassermühle in der Eifel, um dort in einer Art Kommune zu leben. Doch zuerst musste ausdiskutiert werden, wer was bestimmte. Das kostete mindestens so viel Zeit wie das Bauen selbst, doch dafür bekam die Mühle dann ein Männerdach und ein Frauendach.

Nach einem abgebrochenen Archäologiestudium und einer Gärtnerlehre fand Vera ihre Berufung: Garten- und Landschaftsbau. Es war eine Zeit des Umbruchs, die Trennung von Richard, Umzüge in alle Teile der Stadt und schließlich die Begegnung mit Heiner, der Liebe ihres Lebens. Sie hatten sich gerade zwei- oder dreimal getroffen, da starb Heiners Vater, und er reiste zur Familie nach Westdeutschland. Als Vera davon erfuhr, rief sie ihn an: „Soll ich zur Beerdigung kommen? Ich hab auch ein kleines Schwarzes.“

Gemeinsam gründeten sie die WG in der Wrangelstraße, Heiner baute ein Energieberatungsunternehmen auf, und Vera arbeitete beim „Gärtnerhof“ in Hermsdorf, einem Gartenpflegekollektiv. Alltagsökologie war ihr größtes Anliegen. Den müffelnden Bioeimer nahm sie in der S-Bahn von Kreuzberg bis zur Arbeit mit, dort gab es einen Kompost.

Beim „Gärtnerhof“ war jeder für alles zuständig, Rasenmähen, Düngen, Buchhaltung. Doch die Gleichberechtigung funktionierte nicht immer wie gedacht, der Betrieb stand mehr als einmal auf der Kippe. Vera nahm die Dinge in die Hand, adoptierte das Unternehmen regelrecht. Sie wurde Geschäftsführerin – und hatte Erfolg.

Sie war nicht immer eine angenehme Chefin. Wenn sie sich über jemanden ärgerte, ließ sie ihn das spüren. Doch wenn der Sturm vorbei war, setzte man sich zu Kaffee oder Bier zusammen, und alles war vergessen.

So war das auch zu Hause mit Heiner. Inzwischen hatten sie das Kommunenleben gegen ein Familienleben mit Tochter Karla und gelegentlichen Untermietern eingetauscht. Doch die Streitkultur war auch hier ein hohes Gut. Die getrennten Wohnungen erwiesen sich als praktisch: Jeder konnte den anderen jederzeit rauswerfen.

„Wenn ich eins nicht bekomme, dann ist das Krebs“, sagte Vera, die mit missionarischem Eifer die Biokost eingeführt hatte. Als ihre Bauchschmerzen anfingen, ging sie lange nicht zum Arzt. Im Gärtnerhof gab es viel zu tun: „Ich muss da gerade noch was durchkämpfen.“ Als man ihr sagte, dass sie Krebs habe, arbeitete sie weiter. Als sie in der Chemotherapie war, telefonierte sie jeden Tag mit der Sekretärin. „Vera, hör endlich auf“, sagte Heiner, „du musst dich jetzt um dich kümmern.“ – „Aber ich kann doch nicht mein Lebenswerk aufs Spiel setzen.“ – „Im Moment ist es aber dein Leben, das du aufs Spiel setzt.“ Das eine war für sie ohne das andere nicht denkbar.“

Als es mit der Arbeit nicht mehr ging, kämpfte Vera weiter, jetzt gegen die Krankheit. Sie versuchte alles, glaubte an ein Wunder. Bis sie sagte: „Ich hab es satt, stark zu sein.“ Heiner übernahm den Kampf und pflegte sie zu Hause. „Dass wir uns noch mal so nah sein würden“, sagte sie, „jetzt, wo es schon fast zu spät ist.“

Am Abend ihres letzten Tages, nachdem sie aufgehört hatte zu atmen, war die Wohnung noch einmal voll. „Ihr könnt alle kommen“, hatte Heiner gesagt, „offenes Haus, wie immer.“ Sandra Stalinski

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