Berlin : Vera Scholz (Geb. 1950)

Seid freundlich zu ihr. Wie überflüssig, diese Mahnung.

Tatjana Wulfert

Eine Gruppe von Jungen stand vor dem Schultor, wartete auf das Läuten der Schulglocke, eine Zigarette wanderte von Hand zu Hand. Ein Bus hielt. Heraus stieg ein Mädchen von fünfzehn oder sechzehn, unter ihrem Arm eine abgeschabte braune Aktentasche. Sie trug einen weißen Rock mit einer blauen Jacke, und ihre dunklen langen Haare fielen ihr lose über die Schultern. Sie prüfte die Jungen mit sicherem Blick, schüttelte ihr Haar und lief wortlos durch das Schultor.

Hans sah diesen Rock und diese Jacke nie wieder an Vera, und sie bestand später beharrlich darauf, dass sie niemals solche Kleidung besessen hatte. Aber Hans hielt an diesem ersten Bild von ihr bis zum Ende fest.

Vera war die Neue. Seid freundlich zu ihr, hatte der Klassenlehrer zuvor gesagt, sie hat es nicht leicht. Veras Eltern kamen aus einem Städtchen im Süden Deutschlands, hatten dort ein kleines Blumengeschäft betrieben, das pleite gegangen war. Nun lebten sie zu dritt in zwei Zimmern, von denen man auf einen winzigen Hof blickte. Aber sie wollten es versuchen in der großen Stadt, schon für ihre Tochter.

Seid freundlich zu ihr. Wie überflüssig, diese Mahnung. Die Jungen übertrafen sich gegenseitig an Freundlichkeit. „Möchtest du einen Apfel, Vera?“ „Du kannst die Matheaufgaben bei mir abschreiben.“ „Soll ich deine Schultasche tragen?“ Vera nahm den Apfel, schrieb die Aufgaben ab, ließ sich die Schultasche tragen. Aber nur Hans lud sie eines Tages zu sich nach Hause ein. Die kleine Wohnung und das meiste, was ihre Mutter sagte, machten sie etwas verlegen. Doch bemerkte Hans schnell ihren Trick, in diesen Momenten ein wenig zu laut über irgendein Missgeschick irgendeines Lehrers zu lachen, die langen dunklen Haare etwas zu heftig zu schütteln.

Zusammen spazierten sie durch die Parks, Vera malte sich ein Leben beim Film aus, zuweilen berührte Hans ihr Haar.

Der letzte Schultag kam, Hans sollte zum Studium nach München gehen, Vera blieb in Berlin. Sie versprachen einander, Briefe zu schreiben, jeden Tag.

Jeden Tag lief Hans in München nach den Vorlesungen in sein gemietetes Zimmer, jeden Tag lag dort ein Brief von Vera. Sie beschwor ihre Treue zu ihm, erzählte, dass sie bald eine richtige Schauspielerin sein würde, die Produzenten versicherten ihr, sie hätte Talent, nur die passende Rolle sei noch nicht gefunden.

Dann kam ein letzter Brief. Vera teilte Hans mit, dass sie sich nicht mehr schreiben dürften, sie würde heiraten, in wenigen Tagen, einen Regisseur.

Hans arbeitete. Bis er erschöpft genug war, um zu schlafen. Hin und wieder ging er mit einem Mädchen mit langen dunklen Haaren aus. Die Mädchen taten ihr Bestes. Es reichte nie. Manchmal versteckte er sich allein in einem dunklen Kinosaal. Was auf der Leinwand geschah, war ihm gleichgültig. Er folgte zerstreut der Handlung. Und da, plötzlich, für einen Moment nur, tauchte ihr Gesicht hinter der Hauptdarstellerin auf. Vera war grell geschminkt, ihr Lachen albern und falsch. Und doch war sie absolut vollkommen und erschütternd vertraut. Hans sah sich den Film noch einige Male an. Dann ging er nicht mehr ins Kino.

Jahre vergingen. Hans hatte eine freundliche blonde Frau geheiratet, zwei Söhne bekommen, ein helles, hübsches Haus gebaut. Er reiste gern, las viel, spielte sonntags Fußball in der Altherrenmannschaft. Eines Tages kam ein Brief. Darin stand: „Ich hatte nie die Gelegenheit, Sie kennenzulernen. Vera, meine geschiedene Frau, bat mich, Sie im Falle ihres Todes zu benachrichtigen. Sie verstarb am 20. September 2009.“

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