Verbrauchermonitor : Rote Ampel für Ekel-Küchen

Die Verwaltung weiß jetzt, was die Berliner von ihr erwarten: Konsequente Lebensmittelkontrollen, klar gekennzeichnete Nahrungsmittel und verstärkten Jugendschutz beispielsweise.

Stefan Jacobs

Das zeigt der erste „Verbrauchermonitor“, den Verbraucherschutzsenatorin Katrin Lompscher (Linke) am Montag vorgestellt hat. Er beruht auf der repräsentativen Befragung von mehr als 700 Berlinern ab 14 Jahre durch die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) und soll nach Auskunft von Lompscher „als Kompass für die Verbraucherpolitik“ des Senates dienen.

Das Thema Ernährung beschäftigt die Menschen mit Abstand am meisten: 78 Prozent wünschen sich, dass die Ergebnisse von Lebensmittelkontrollen in Restaurants veröffentlicht werden. Bisher gibt es nur zwei Modellprojekte: Pankow stellt eine „Ekelliste“ mit negativ aufgefallenen Betrieben ins Internet, Marzahn- Hellersdorf vergibt einen „Berliner Bär“ für vorbildliche Gastronomen. Welches System sich durchsetzt, ist nach Auskunft von Lompscher offen. Zwar habe bisher niemand gegen die Veröffentlichung der Ekelliste geklagt, aber eine sichere Grundlage biete wohl erst die 2010 anstehende Novellierung des bundesweiten Verbraucherinformationsgesetzes.

Eine klare Mehrheit der Berliner wünscht sich die einfache Kennzeichnung von Lebensmitteln: 57 Prozent würden eine „Nährwert-Ampel“ für sehr hilfreich halten, weitere 20 Prozent wären ihr nicht abgeneigt. Wobei 38 Prozent ohnehin davon ausgehen, dass die Lebensmittel sorgsam kontrolliert werden und gesundheitlich unbedenklich sind.

In anderen Lebensbereichen sind die Befragten kritischer: An vollständige Informationen zu Produkten und Dienstleistungen allgemein sowie an die eigenen Rechte als Verbraucher glaubt jeweils nur jeder Vierte. Insgesamt wächst die Skepsis mit dem Lebensalter. Auf der anderen Seite hat die GfK eine Verbrauchergruppe ausgemacht, die vor der eigenen Sorglosigkeit geschützt werden müsse. Diese Tendenz zum „blinden Vertrauen“ zeige sich bei Jüngeren, wenig Gebildeten, Armen und Migranten. Lompscher will darauf mit „Angeboten für einen niedrigschwelligen Verbraucherschutz“ reagieren, etwa durch einen übersichtlichen Internetauftritt und Informationen in Kiezzentren. Dabei soll die Verbraucherzentrale helfen. Die hat sich in der GfK-Umfrage als ideal erwiesen: Zum konkurrenzlos hohen Bekanntheitsgrad von 93 Prozent kommen rege Nutzung (31 Prozent der Befragten) und eine große Quote der Zufriedenen (88 Prozent der Nutzer). Während Schuldnerberatung und Mieterbund zwar ähnlich bekannt sind, aber weniger genutzt werden, hat jeder Zweite von unabhängiger Patientenberatung oder der Behördenrufnummer 115 noch gar nichts gehört. Die Schlichtungsstelle Nahverkehr ist sogar drei Vierteln unbekannt – obwohl sich bei der im November abgeschlossenen Umfrage 54 Prozent unzufrieden mit der S-Bahn äußerten. Die BVG schnitt allerdings viel besser ab.

Mit ihrem Wohnumfeld sind die meisten zufrieden, aber hohe Heiz- und Stromkosten sorgen fast jeden Zweiten. Und mehr als jeder Vierte leidet unter Lärm.

Bemerkenswert ist die 57-prozentige Mehrheit für ein striktes Verbot von Alkoholwerbung und strengerem Jugendschutz. Nachdem eine Berliner Bundesratsinitiative für Werbebeschränkungen bei Alkohol kürzlich gescheitert ist, will Lompscher nun „nach neuen Verbündeten suchen“ – etwa in Gestalt der neuen Bundesdrogenbeauftragten Mechthild Dyckmans. Doch die FDP-Politikerin hat sich bereits dagegen ausgesprochen.

Nach Bayern ist Berlin laut der GfK das zweite Bundesland mit einem „Verbrauchermonitor“. Die Studie soll jährlich wiederholt werden, um Fortschritte und Defizite zu erkennen. Die Kosten bewegen sich nach Tagesspiegel-Informationen im fünfstelligen Bereich.

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