Verdeckte Tempokontrollen in Berlin : Die Raser sind hinter uns

Unfallforscher haben gemessen, wie schnell in Berlin wirklich gefahren wird. Fazit: Eine vernünftige Mehrheit schützt alle vor ein paar Rücksichtslosen. Und manche Tempolimits interessieren kaum jemanden.

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Unter Beobachtung. Die Standorte der stationären Blitzer sind allgemein bekannt. Jetzt wurde zusätzlich verdeckt gemessen.
Unter Beobachtung. Die Standorte der stationären Blitzer sind allgemein bekannt. Jetzt wurde zusätzlich verdeckt gemessen.Foto: Imago

Mehr als zwölf Millionen Autos, Lastwagen und Motorräder hat die Berliner Polizei im vergangenen Jahr bei Tempokontrollen gemessen – und 680.000 davon geblitzt, weil sie zu schnell waren. Doch es dürften noch viel mehr gewesen sein, die davongekommen sind – dank Blitzerapps, Warnungen im Radio, scharfer Augen oder einfach deshalb, weil der Pulk um sie herum nicht so schnell fuhr, wie sie selbst gern gefahren wären.

Jetzt ist zum ersten Mal in großem Stil untersucht worden, wie schnell auf Berlins Straßen wirklich gefahren wird, wenn niemand warnt oder beim Anblick einer Kontrollstelle bremst: Die Unfallforschung der Versicherer (UDV) hat an 44 Stellen auf allen Arten von Stadtstraßen in Berlin die realen Geschwindigkeiten an Werktagen über jeweils 24 Stunden gemessen – so, dass es kaum jemand bemerkt haben dürfte. Knapp 600.000 Fahrzeuge wurden dabei erfasst. Die Daten werden zurzeit ausgewertet und sollen demnächst präsentiert werden. Einige Ergebnisse liegen dem Tagesspiegel schon jetzt vor.

Die Quote der radikalen Raser ist zwar gering, aber keineswegs harmlos

Aus den Messdaten von Tempo-50- Straßen lässt sich schließen, dass etwa jeder Zehnte deutlich zu schnell fährt, wenn er kann: Bei relativ dichtem Verkehr – auf den sich anhand eines höchstens viersekündigen Abstandes zwischen zwei Fahrzeugen schließen lässt – sind nur etwa vier Prozent mit mehr als 55 Kilometer pro Stunde unterwegs. Bei freier Strecke – mindestens zehn Sekunden Abstand zum Vordermann – stieg der Anteil auf neun Prozent. Die Quote derer, die mehr als 60 km/h fuhren, verdoppelte sich von zwei auf vier Prozent. Und die der schlimmsten Raser, die mit mehr als Tempo 70 gemessen wurden, stieg von 0,2 auf 0,5 Prozent.

Damit ist die Quote der radikalen Raser zwar relativ gering, aber in absoluten Zahlen keineswegs harmlos: Bei knapp 83.000 gemessenen Fahrzeugen mit „freier Bahn“ sind das 414 solcher Raser. Hinzu kommt, dass vom Messwert immer 5 km/h abgezogen wurden. Da außerdem die Tachos fast aller Autos etwas vorgehen, dürften die betreffenden Fahrer mindestens Tempo 80 auf der Uhr gehabt haben.

Wer derart durch die Stadt rast, kann jederzeit zur tödlichen Gefahr werden: Selbst ein aufmerksamer Fahrer hat im Ernstfall aus Tempo 75 an der Stelle gerade erst angefangen zu bremsen, an der er aus Tempo 50 schon stehen würde (siehe Kasten). Die Überlebenschance von Fußgängern geht beim Aufprall mit mehr als 50 km/h gegen null, und jenseits von Tempo 70 kommt auch die beste Knautschzone samt Airbags ans Limit.

Für die Wissenschaftler zeigen diese Daten, dass die Masse der vernünftigen Autofahrer die Allgemeinheit vor den ganz Rücksichtslosen schützt: Im Pulk wurde wohl auch deshalb insgesamt langsamer gefahren, weil die Raser sich notgedrungen einreihen mussten.

Auf vielen Hauptstraßenabschnitten gilt ohnehin seit einigen Jahren Tempo 30. Das wird zumindest dann weitgehend ignoriert, wenn es mit nächtlichem Lärmschutz begründet ist: An den fünf Messstellen mit diesen Tempolimits hielt sich nicht einmal jeder Dritte strikt an das Limit. Eine Mehrheit von 60 Prozent fuhr 31 bis 40 km/h – ebenfalls abzüglich Toleranz, also real wohl etwas schneller. Ganz vergeblich sind die Schilder aber nicht, denn insgesamt war das Temponiveau nachts zumindest etwas geringer als tagsüber. Wie sich die 30er-Schilder vor Schulen und Kitas auswirken, dürften die Unfallforscher dann bei der Präsentation aller Ergebnisse erklären.

Ähnlich wie dem nächtlichen Tempolimit ergeht es den Tempo-10-Zonen in Tempelhof und in der Spandauer Vorstadt nördlich des Hackeschen Marktes. Dort fährt die Mehrheit etwa 20 km/h, also einerseits viel zu schnell, aber andererseits deutlich langsamer als in den viel weiter verbreiteten Tempo-30-Zonen. Ähnlich ist die Bilanz für die (eher als Spielstraßen bekannten) Verkehrsberuhigten Bereiche: Auch dort fuhr die Mehrheit mit etwa 15 km/h zwar rund doppelt so schnell wie erlaubt. Aber wer mit Tempo 30 durchbretterte, zählte hier wie da bereits zu jener kleinen, gefährlichen Minderheit der skrupellosen Raser.

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