Berlin : "Verdienstorden": Mehlsack oder Sowjetorden?

Rainer W. During

Auch Spandau will verdiente Bürger künftig mit einem bezirklichen "Verdienstorden" ehren. Anders als beispielsweise bei der Reinickendorfer Humboldtplakette sollen die Empfänger die Auszeichnung anschließend nicht in die Schublade packen, sondern zumindest bei feierlichen Anlässen an der stolz geschwellten Brust zur Schau tragen. Doch zunächst einmal ist die Finanzierung des teuren Projektes geplatzt. Auch die Verleihungskriterien müssen wegen rechtlicher Bedenken neu erstellt werden. Damit nicht genug: Der kürzlich von Bürgermeister Konrad Birkholz (CDU) im Bezirksamt präsentierte Prototyp fand bei den Stadträten wenig Gegenliebe.

Das vergoldete Modell stammt von einem bekannten Spandauer Goldschmied, dem lediglich der Juliusturm als Motiv vorgegeben wurde. Der Künstler lieferte dem Bürgermeister-Referenten Michael Virchow zwar mehrere Entwürfe. Doch statt diese im Bezirksamt zu diskutieren, stellte Birkholz das Gremium vor vollendete Tatsachen. "Der Entwurf steht fest", sagte der Bürgermeister dem Tagesspiegel.

"Das kann nicht das letzte Wort gewesen sein", meint ausgerechnet sein Parteifreund Gerhard Hanke. Der Kulturdezernent und Spandauer CDU-Kreisvorsitzende ist "nicht begeistert". Er fordert Alternativen und eine Abstimmung im Bezirksamt. Auch andere Dezernenten äußerten Kritik. Die ziselierte Darstellung des Spandauer Wahrzeichens hinter einem Stück Zitadellenmauer sieht auf Distanz wie ein "Mehlsack" aus, konstatiert ein Mitglied des Gremiums. Der eingearbeitete Rubin erweckt bei manchen den Eindruck eines Sowjetordens mit rotem Stern. Auch ein blauer Stein als Alternative lasse die Auszeichnung "billig" wirken.

Dabei ist der "Orden" richtig teuer. Zwischen 600 und 700 Mark soll die massiv goldene Nadel kosten, die Birkholz jährlich am 28. Mai, dem Jahrestag der ersten urkundlichen Erwähnung Spandaus, an bis zu fünf Personen verleihen will. Dazu kommen die Kosten der Feierstunde mit Sekt, Häppchen und vielleicht auch Musik. Die geplante Finanzierung durch das alljährliche Adventskonzert des Luftwaffenmusikkorps, dessen Einnahmen die Bundeswehr dem Bezirk für gemeinnützige Aufgaben zur Verfügung stellt, ist gescheitert. Die Militärs wollten sich nicht langfristig auf einen Verwendungszweck festlegen, so Bezirksamts-Pressesprecher Lars Neunherz-Marx. Jetzt ist man auf der Suche nach neuen Sponsoren. Nach einem Veto des Rechtsamtes werden auch die von Birkholz vorgelegten Verleihungskriterien revidiert. Nicht altgediente Kommunalpolitiker, sondern Bürger, die sich beispielsweise durch ehrenamtliche Tätigkeiten verdient gemacht haben, sollen die Nadel erhalten. Zumindest über Feinheiten wie die Frage mit oder ohne Edelstein ist noch nicht entschieden, sagt Michael Virchow.

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