Verdrecktes Berlin : Baut mehr Zäune!

Bieten Parks und Plätze sich schutzlos dar, sind sie zur Verrumpelung und Verhunzung freigegeben. Dabei zeigen Beispiele vom Kleingarten bis zum Tempelhofer Feld: Nur Zäune schaffen Schönheit in Frieden.

von
Viel Beton, und trotzdem schön: Auf dem Tempelhofer Feld finden alle Freizeitsportler, Spaziergänger und Griller ihren Frieden.Weitere Bilder anzeigen
Foto: Kai-Uwe Heinrich
08.05.2011 19:24Viel Beton, und trotzdem schön: Auf dem Tempelhofer Feld finden alle Freizeitsportler, Spaziergänger und Griller ihren Frieden.

Das sollten Sie sich mal gönnen. Morgens von der Paradestraße zum S-Bahnhof Tempelhof laufen. Immer auf der linken Seite des T-Damms gehen und immer nach links schauen, Sie laufen immer am Zaun lang. Der trennt den Stauraum Tempelhofer Damm von der autofreien Zone des früheren Zentralflughafens Tempelhof. Wenn sich die Sonne über Berlin erhebt, wird das Seherlebnis zum Befreiungsschlag. Cinemascope-Blick, Central-Park-Feeling, die Lebenserwartungen werden schlagartig groß bis großartig. Du weißt, du bist in der richtigen Stadt.

Und deswegen sage ich Danke. Danke für alle Zäune, die in dieser Stadt errichtet worden sind und künftig errichtet werden. Zäune trennen Menschen, wird immer gejammert. Das stimmt so nicht. Zäune verbinden Menschen – oder jedenfalls Berliner.

Aus bis heute nicht genau definierten Gründen kommt der öffentliche Raum in der Hauptstadt – also jene Quadratmeter, die für alle da sind – erst dann zur Ruhe, wenn er ordentlich eingesperrt ist. Parks und Plätze gelten als gemeinfrei für Verrumpelung und Verwahrlosung und Verhunzung, indem sie sich den Berlinern schutzlos darbieten. Der neue Park am Gleisdreieck, ja selbst so ein Winzling wie der Wartheplatz in Neukölln – Orte des Wutberliners, der mutwillig verunstaltet und zerstört. Der Pariser Platz, die erste Adresse, ist nur unwesentlich besser dran: eine Rummelbude voll falscher Russenmützen und Pferdeäpfel. Im Mauerpark, dachte Berlins Verwaltung, könnten singende Papierkörbe die Berliner überzeugen, diese auch zu benutzen. Doch den Körben hat es die Sprache verschlagen, so leer sind sie geblieben.

Gleisdreieck-Park beschmiert
Der Drang zur Verewigung.Alle Bilder anzeigen
1 von 8Foto: Tsp
25.09.2011 13:19Der Drang zur Verewigung.

Berliner sind scheinbar nicht imstande (oder nicht willens), Schönheit zu erkennen, zu respektieren. Ein schöner Platz, ein schöner Park ist eine Herausforderung, eine schiere Beleidigung von böser, fremder Seite. Schönheit muss bekämpft werden, vielleicht, weil so viele Leben so schön nicht sind. Gleiches mit Gleichem heimzahlen, das ist die Parole. Hässlichkeit, die verbindet.

» Mehr lesen? Jetzt kostenfrei E-Paper testen!

60 Kommentare

Neuester Kommentar