Berlin : Verehrung der Reinheit

Zwischen China und Ostfriesland: die Schöneberger Teelounge „Aurum“

Heidemarie Mazuhn

Wo man einst seine Textilien reinigen lassen konnte, rinnt einem heute die „Blütezeit in Japan“ wohlig durch die Kehle. Nach zwei, drei Schlucken hat man das Ungemach eines grautrüben Novembertages weggespült und schaut friedlich in seine Tasse grünen Tees. Dessen poetischen Namen hat sich die Frau ausgedacht, die ihn auch zubereitete – die 35-jährige Sabine Junker.

Mit ihrer Freundin Irina Kelm betreibt sie im trendigen Schöneberger Kiez in der Akazienstraße 10 seit einem halben Jahr die Teelounge „Aurum“. Begeisterte Teetrinkerinnen waren beide schon vorher – beruflich hatten sie allerdings bisher mit dem Getränk, das erstmals 1610 auf dem Seeweg von Ostindien nach Europa kam, nichts zu tun. Bevor die gebürtige Reinickendorferin Sabine Junker in Schöneberg Tee aufbrühte, verdiente sie ihren Lebensunterhalt als diplomierte Ingenieurin für Maschinenbau; ihre aus Falkensee stammende Geschäftspartnerin ist promovierte Medizinerin.

Etwas Neues – trendig und cool zugleich – wollten die beiden mit ihrer Teelounge auf die Beine stellen, nachdem sie den Markt erforscht hatten und dabei feststellten, dass es so richtig nichts für eingefleischte Teetrinker in der Stadt gibt. „Wir bleiben im alten Westen“, nahmen sie sich aber vor, wollten nicht dem Zug nach Mitte folgen.

In ihrem Wohnbezirk Schöneberg wurden sie fündig und verloren zugleich wieder den Mut. Zu hoffnungslos ruinös und für eine Renovierung nach ihren Ideen unbezahlbar bot sich ihnen die ehemalige Wäscherei dar, in der es nicht mal eine Heizung gab. Sie hatten die Adresse schon abgeschrieben, da lenkte der Münchener Eigentümer des Hauses ein und übernahm einen Großteil der Sanierung des Ladens. An dessen Vergangenheit erinnern heute nur noch Fotos. Mit schneeweißem Stuck, dunkelroten Wänden, orientalisch farbigen Bodenkissen für die jüngeren und ebenso bequemem Gestühl für die älteren Besucher sowie funkelnden Lüstern ist der Laden nicht wiederzuerkennen.

Mit der Wäscherei verbindet das „Aurum“ trotzdem noch etwas – „Tee trinken ist die Verehrung der Reinheit“, liest der Gast eine Laotse-Weisheit in der Teekarte. Die macht die Wahl fast zur Qual – soll man nun Drachenaugen genießen – kleine gerollte Jasminperlen, die sich im heißen Wasser zu einem Hochgenuss für Augen und Gaumen entfalten. Oder doch lieber „Marigold“, so heißt auf der Karte der chinesische Tee aus einer Blüte, die ihre leuchtend gelborangene Schönheit und ihre große Milde erst beim Aufbrühen entfaltet. Hinter dem „Tempel der Liebe“ verbirgt sich dagegen ein Kräutertee aus Ingredienzen wie Kolanuss, Ginseng, Minze und Rosenblüten; der „Geheimen Verabredung am Drachenbrunnen“ schließlich gibt unter anderem Bananenlikör und weißer Rum die nötige Gewichtung. Ein „lekker Koppke Tee mit Kluntje und Room“ bekommt der Gast, der die „Ostfriesische Teetied“ bestellt – eine von vier internationalen Teezeremonien, die man in dem Schöneberger Teehaus auch zelebrieren kann.

Tee trinken, um „den Lärm Welt zu vergessen“, wie es Kakuzo Okakura in seinem „Buch vom Tee“ schrieb, kann man dort dienstags bis sonntags jeweils von 14 bis 24 Uhr. Bedient wird man aber nur von der ausgestiegenen Ingenieurin. Die 34-jährige Ärztin blieb ihren Patienten im Neuköllner Krankenhaus treu – in der Akazienstraße tritt Irina Kelm nur als Geschäftspartnerin auf.

Eine allerdings, die durch ihre Mutter russisch kochen kann. Was dazu führt, dass man im „Aurum“ nicht nur Herzerwärmendes aus der exotischen Teewelt trinken kann, sondern es mit Pelmeni, Borschtsch und Soljanka auch herzerwärmend Russisches zu speisen gibt.

Für die süße Komponente mit Selbstgebackenem ist vor allem Sabine Junker zuständig. Sonntagnachmittag ist der Laden proppevoll, erzählt die junge Frau. Zum Tee, dem „neuen Trendgetränk für Individualisten“, gehen ihre Torten da weg wie warme Semmeln.

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