Verein ''Kiezboom'' : Mit neuer Schlagkraft gegen Gewalt

Mit Kampfsportkursen, Anti-Gewaltraining und Streetware-Wettbewerb will der Weddinger Verein "Kiezboom" Jugendliche von der Straße holen. Vor einem Jahr geriet der Verein unter Drogenverdacht – wie sich zeigte, zu Unrecht.

Tanja Buntrock
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Bei "Kiezboom"können Jugendliche Karate trainieren. -Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Das Logo steht schon fest. Nun müssen nur noch die Klamotten entworfen werden. Und weil Straßenkleidung etwas langweilig klingt, heißt das neue Projekt „Streetwear-Kreativitätswettbewerb“. Der 29-jährige Mesut Lencper sitzt im Büro von „Kiezboom“ und schwärmt von dem neuen Vorhaben. Er ist einer der Gründer des Vereins und jetzt Mitglied im Vorstand. Hier, in einem etwas abgeschabten Ladenbüro in der Reinickendorfer Straße, sitzt Kiezboom, der Verein für „Jugendhilfe und Völkerverständigung“. Die Mitglieder wollen Jugendliche rund um den problembelasteten Soldiner Kiez von der Straße holen und sie vor kriminellen Karrieren bewahren. Bei Kiezboom können sie Samuraitsu, Kickboxen oder Breakdance trainieren. Hier wird Anti-Gewalt-Training angeboten, es werden Probleme besprochen, Feste veranstaltet. Und nun können die Jugendlichen sogar ihre eigene Kleidung mit dem Logo „Wedding 65“ – die Zahl steht für den ehemaligen Postzustellbezirk – entwerfen. Im ebenso problembelasteten Kiez Neukölln hat das ja auch geklappt: Dort haben vor zwei Jahren die Kreativen „Rütli-Wear“ entworfen und nach der Hauptschule benannt, die wegen ihrer katastrophalen Zustände in die Schlagzeilen geriet und nun als Vorzeigeschule gilt.

Wenn Lencper erzählt, ist es so, als liefen die Ideen in seinem Kopf um die Wette. Designer aus der HipHop-Szene sollen in der Jury sitzen und die Entwürfe der Jugendlichen beurteilen. Zur Abschlussveranstaltung will der ehemalige Breakdancer der Berliner Gruppe „Flying Steps“ seine Kontakte spielen lassen und den türkischen Star-Rapper Çeza aus Istanbul einladen.

Alles scheint wieder möglich. Im Sommer vergangenen Jahres sah das noch anders aus. Da geriet der Jugendverein ins Zwielicht. Mesut Lencper war im Juni 2007 für vier Tage verhaftet worden. Wegen angeblichen Drogenhandels lief gegen ihn ein Strafverfahren.

Zu Unrecht, wie sich jetzt herausstellte. Lencper faltet den Brief der Staatsanwaltschaft auseinander: „Hier, schwarz auf weiß: Mein Verfahren wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz wurde eingestellt .“ Der Jugendarbeiter war einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort. Zwei kiezbekannte Drogenhändler hatten Mesuts lernbehinderten kleinen Bruder beschwatzt und ihm den Schlüssel zu dessen Wohnung abgeluchst. Dann bunkerten sie dort 2,5 Kilo Cannabis. Doch die Fahnder der Polizei waren den Dealern bereits auf der Spur. Unglücklicherweise wollte Mesut Lencper gerade dann zu seinem Bruder in die Wohnung, als die Polizisten bereits im Hausflur standen. „Ich galt für die als Drogenhändler, die haben mich sofort festgenommen, ich musste sogar vier Tage in die Untersuchungshaft.“ Ausgerechnet er, der mit seinem Verein junge Menschen vor Drogen und kriminellen Taten schützen will. „Es ging sehr auf meine Psyche“, sagt er. „Vor allem, weil ich jedem Sponsor, den Eltern der Jugendlichen, aber auch den Ämtern und Behörden klar machen musste, dass an den Vorwürfen nichts dran war.“

In der US-Botschaft hatte man sofort reagiert: Die jungen Kiezboom-Tänzer, die mehr als ein halbes Jahr für ihren Auftritt im Musical „Streets of Wedding“ geprobt hatten, wurden ausgeschlossen. Die Charity-Veranstaltung fand Ende Juni ohne sie an der Technischen Fachhoschule statt. 120 000 Euro waren damals zusammengekommen. „Davon hatten wir dann nichts mehr“, sagt Lencper. „Gegen das Misstrauen bin ich nicht angekommen, das war furchtbar.“ Dabei war relativ schnell klar, dass Lencper unschuldig verhaftet worden war. Die Polizei überprüfte dessen Handykontakte und auch die Cannabis-Tüte auf Fingerabdrücke – Fehlanzeige. Zudem sagten die Drogenhändler aus, dass Lencper mit den Drogen nichts zu tun hatte.

Zum Glück für den Verein unterstützte der Bezirk die laufenden Projekte finanziell weiter. „Nun ist die Sache hoffentlich wirklich aus der Welt, und wir können wieder mit neuen Ideen nach vorne schauen“, sagt Lencper. Und stolz fügt er hinzu, dass sich die Mitgliederzahl auf 300 Jugendliche erhöht hat. Jetzt hofft er, dass die Streetwear-Kollektion Erfolg hat und irgendwann einmal auch in angesagten Szene-Klamottenläden ausliegt.

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