Berlin : Vereint in der Gleichgültigkeit (Kommentar)

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Jammer-Ossis? Kaum. Zwei von drei Ost-Berliner jedenfalls geben an, für sie habe sich die persönliche Lebensqualität seit dem Fall der Mauer deutlich verbessert. Die Unzufriedenen finden sich dagegen eher im Westteil, wo mehr als vierzig Prozent meinen, in den letzten zehn Jahren habe sich ihre Lage verschlechtert. Aber messen kann man an solchen "Klage-Wessis" den Stand der Einheit in der Stadt kaum. Trotz der vorhandenen Zufriedenheitsmauer hat die Stadt begonnen, eine selbstverständliche Identität zu entwickeln. Es braucht nicht mehr solch künstlicher Identifikationsprojekte, wie es die desaströse Olympiabewerbung sein sollte, die die Stadt viel Geld kostete und ihr viel Spott einbrachte. Jetzt gibt es die erfolgreichen Sportvereine wie Alba oder Hertha, deren Fans man nicht mehr nach Ost oder West aufteilen kann. Und wo ist die Grenze zwischen Ost und West, wenn in Prenzlauer Berg nahezu jeder Zweite erst nach dem Mauerfall dorthin zog? Die Trennlinien aber bleiben. Nur eine Minderheit in Ost und West hat gute Freunde im anderen Teil der Stadt. Die meisten West-Berliner gehen auch im Jahr Zehn nach dem Mauerfall nur wegen der architektonischen Schönheiten in den Ostteil, und auch die Ostler gehen immer weniger in den Westen. Beklagenswert? Sicher. Aber kann es die Einheit der Stadt überhaupt geben? Jenseits der politischen Konzepte gehört zur Normalität auch das Recht auf Gleichgültigkeit.

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