Berlin : Verfolgt und versteckt – das Schicksal jüdischer Kinder

Tanja Könemann

Verfolgt, geflohen, im Hinterhaus versteckt, dort ausgeharrt und doch verraten und ermordet. Das Schicksal der Anne Frank teilen viele Juden. In Berlin versuchten mehr als 7000 von ihnen unterzutauchen und in Verstecken zu überleben. Nur etwa 1500 gelang dies, meist dank der Unterstützung von Nicht-Juden. Anlässlich des Gedenktages der Opfer des Nationalsozialismus am morgigen 27. Januar porträtiert das Anne-FrankZentrum in der Ausstellung „Kinder im Versteck – Berlin 1943-1945“ fünf jüdische Kinder, beschreibt deren Leben und ihre Verstecke.

Drei der Porträtierten überlebten. Zu ihnen zählt der heute 78-jährige Werner Foß. „Ich habe einen einzigen Freund gehabt“, sagt er heute, „und das war der liebe Gott.“ Foß und seine Familie hatten unsägliches Glück. Gemeinsam mit Mutter Margot, Vater Hans und Bruder Harry verbarg er sich mehr als zwei Jahre in einer winzig kleinen Wohnung in Moabit. Gerettet hat sie schließlich der playboyhafte Charme seines Vaters: Die Besitzerin der Wohnung, Helene von Schell, war in den Vater verliebt, sagt Foß. Das sei der Grund gewesen, warum sie die Familie aus Charlottenburg so lange versteckte und die wenigen Lebensmittel, die sie hatte, mit ihnen teilte. Und das war, neben Schells Ordnungsliebe, auch Grund, warum es immer wieder zu Spannungen kam. Die Familie musste sehr vorsichtig sein, ein Teil der Wohnung gehörte „dem Ober-Nazi“ im Haus, erzählt Foß. Lange Zeit hätten sie sich deshalb bei Luftangriffen in öffentliche Schutzräume geflüchtet.

Erst kurz vor Kriegsende suchten sie im Keller des Hauses Schutz. Foß ist die Einzigartigkeit seiner Geschichte bewusst, besonders da keiner seiner Schulkameraden die Verfolgung durch die Nazis überlebt habe. „Wir waren, glaube ich, die einzige Familie in Berlin, die in einer Wohnung mit vier Personen überlebt hat. Das hat es nie wieder gegeben.“

Die Ausstellung „Kinder im Versteck“erzählt noch bis zum 30. April Foß’ Geschichte und die der vier anderen Berliner Juden in Bildern, Texten und Filmen. Zudem veranstaltet das Anne-Frank-Zentrum Lesungen und Zeitzeugengespräche. Zu ihnen gehört Eva Nickel, deren Halbschwestern Ruth und Gitti Süßmann verraten und in Auschwitz ermordet wurden. Nickel, die 1948 geboren wurde und am 21. März in das Zentrum kommt, lernte ihre Schwestern nur durch die Erzählungen der Mutter kennen und wuchs mit der Trauer und Wut um den Mord an ihnen auf. Ein Gespräch mit Werner Foß ist am 23. Februar möglich.

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