Berlin : Verführung zum Buch

Die Lenau-Schule sucht Lesepaten und stellt im Roten Rathaus aus

Sven Schade

Achmed aus Klasse 2b ist acht. Lesen hat er schon letztes Jahr gelernt. Aber er liest noch lange nicht flüssig. Er muss noch viel üben, und das geht am besten, wenn er selbst zum Buch greift und Geschichten liest, die ihm gefallen. Stolz hält er seine „Erlebnisse im Zoo“ im Schoß. „Das wird alles erzählt von einer kleinen Maus“, erklärt er seinen Mitschülern und gibt ihnen gleich eine Kostprobe zu hören. So verläuft im Idealfall das Projekt „Leselust“ an der Lenau-Grundschule in Kreuzberg. „Kinder berichten, was sie gelesen haben“, sagt Lehrerin Sibylle Recke, die das Projekt entwickelt hat: „Das macht den Kindern Lust, neue Bücher zu erkunden.“

Es sind vor allem Migrantenkinder, die beim Lesen Schwierigkeiten haben. Achmeds Eltern kommen aus Syrien. Die Familie lebt auf engstem Raum. Da ist wenig Platz für Bücher, geschweige denn ein ruhiger Ort zum Lesen. Und in Deutsch sind nur seine Schulbücher geschrieben. Ohne die Schule hätte Achmed wohl gar keine Möglichkeit, von seinem Buch zu erzählen.

Die Lenau-Schule besuchen etwa 500 Kinder. „65 Prozent unserer Schüler sind nicht-deutscher Herkunft. Sie kommen aus 20 verschiedenen Nationen“, sagt Schulleiterin Karola Klawuhn: „Im Unterricht ist zu wenig Zeit, um das Lesen für alle zu trainieren.“ Deshalb hatte Lehrerin Recke die Idee mit den Lesepaten. Erwachsene Paten besuchen ehrenamtlich einmal die Woche kleine Gruppen aus den Klassen. Man trifft sich zur gemeinsamen Lektüre und zum Nacherzählen. Gesucht werden noch freiwillige Lesepaten. Unterstützung braucht das Projekt aber auch von einigen Honorarkräften. „Wir sind deshalb froh, dass uns die Bürgerstiftung Berlin mit 25000 Euro fördert“, sagt die Schulleiterin. „Außerdem wollen wir Bücher für die Bibliothek anschaffen und ein Lesecafé einrichten.“ Dorthin sollen einmal im Monat Kinder und Eltern eingeladen werden.

„Manche Mütter sind deutschen Kinderbüchern gegenüber skeptisch“, erzählt Lehrerin Sibylle Recke: „Weil sie selbst kein Deutsch verstehen, wissen sie nicht, was ihre Kinder da lesen.“ Im Lesecafé solle deshalb eine Lehrkraft deutsch-türkisch übersetzen. So fördert Lesen auch die Integration. Deshalb ist die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John von dem Vorhaben begeistert: „Lesen erweitert den Horizont und beflügelt die Phantasie. Lesende Kinder sind nicht nur besser in der Rechtschreibung, sondern auch in vielen anderen Fächern.“

Im Roten Rathaus zeigt die Lenau-Grundschule jetzt erste Ergebnisse ihres Projekts. Die Ausstellung wird einen Monat lang zu sehen sein. Sechstklässler haben auf Anregung ihrer Lesepaten aufgeschrieben, wie sie sich ihr Leben und ihre Zukunft vorstellen. Zur Eröffnung wird André Schmitz, Chef der Senatskanzlei, aus den Texten vorlesen. In der Ausstellung sind im Projekt entstandene Fotoporträts lesender und erzählender Kinder der Fotografin Sophie Aigner zu sehen. Mal verträumt, mal begeistert hängen sie ihren Lesephantasien hinterher. Dass sie in diesen Momenten den wichtigsten Teil schulischer Bildung erwerben, nämlich Lesekompetenz, interessiert die Kinder dabei wenig.

Die Ausstellung „Leselust“ im Roten Rathaus öffnet am morgigen Donnerstag um 16 Uhr. Wer Lesepate in der Lenau-Grundschule werden will, kann sich unter der Telefonnummer 81858811 melden.

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