Berlin : Vergangenheitsbewältigung in der Baugrube

Holocaust-Gedenkstätte: Darf ein Nazi-belastetes Unternehmen an dem Projekt mitarbeiten? Entscheidung über Weiterbau noch in dieser Woche

Klaus Kurpjuweit

Darf ein Unternehmen, das in der Nazi-Zeit an der Produktion des Giftgases Zyklon B beteiligt war, heute am Holocaust-Mahnmal mitbauen? Offiziell äußern dazu soll sich nur Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), der dazu am Wochenende aber noch nicht bereit war. Thierse ist Vorstand der Stiftung „Denkmal für die ermordeten Juden Europas”, die als Bauherr fungiert. Wie berichtet, sind in der vergangenen Woche die Arbeiten an der Beschichtung der Stelen gestoppt worden, weil bekannt geworden war, dass die Betonfirma damit das Unternehmen Degussa beauftragt hatte. Ein Degussa-Tochterunternehmen hatte in der Nazi-Zeit das Giftgas Zyklon B produziert, mit dem in den Vernichtungslagern Juden vergast worden waren. Die Produktion der Stelen sowie die Arbeiten auf dem Mahnmal-Gelände auf den so genannten Ministergärten gehen unverändert weiter. Einen generellen Baustopp gibt es nicht.

Degussa hatte für die Beschichtung der Stelen, von der sich Schmierereien leicht entfernen lassen sollen, nach Tagesspiegel-Informationen das beste Angebot abgegeben. Das Degussa-Produkt soll länger halten als die Erzeugnisse der Konkurrenz, und es soll auch besser aussehen. Im Preis hatte das Unternehmen vor der Auftragserteilung nachgegeben. Die Idee, dass Degussa die Beschichtung nun gratis aufbringen soll, ist bereits verworfen worden.

Während Lea Rosh, die Vorsitzende des Mahnmal-Fördervereins, nach Angaben der Nachrichtenagentur ddp sagt, es wäre „nicht zu verantworten, dass zum Beispiel ein ungarischer KZ-Überlebender vor dem Stelen-Feld steht und erfährt, dass eine Firma an dem Denkmal beteiligt ist, die das Gift für seine Vernichtung geliefert hat“, sehen Überlebende dies zum Teil anders. Eine über 90-jährige Frau, die im KZ saß und deren Verwandte dort ermordet worden waren, bezeichnete die aufgekommene Diskussion über die Degussa-Beteiligung als „Heuchelei“. Dies sei keine Vergangenheitsbewältigung. Dann dürfe man auch keinen Kruppstahl mehr verwenden.

Auch im Kuratorium der Stiftung war kontrovers diskutiert worden. Dies sei nicht schlimm, und man brauche sich dafür nicht zu schämen, sagte Lothar C. Poll. Nach Roshs Angaben hatte das Kuratorium lange überlegt, wo bei 200 deutschen Firmen, die an der Ausbeutung und Vernichtung von KZ-Häftlingen beteiligt waren, die Grenze zu ziehen sei. Dies gelte auf jeden Fall für die Produktion von Giftgas.

Vor allem die Politiker wiesen darauf hin, dass man sich mit dem Mahnmal im Land der Täter und ihrer Erben zu den Verbrechen der Nazi-Zeit bekenne. Ein Unternehmen, das an der Vernichtung der Juden beteiligt war, könne nicht auf ewige Zeiten als Schuldiger eingestuft werden. Es sei nicht möglich, nur Firmen an dem Bau zu beteiligen, die sich in der Nazi-Zeit nicht schuldig gemacht hätten. Trotzdem stimmte Stadtentwicklungssenator Peter Strieder (SPD) dem Vernehmen nach „aus dem Bauch“ für den Ausschluss von Degussa. Auch der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Alexander Brenner, sprach sich gegen Degussa aus.

Von der Auftragsvergabe hatten die meisten Kuratoriumsmitglieder nichts gewusst. Sie stand in der Tagesordnung unter dem Punkt „Graffitischutz“. Zuvor hatte der Züricher Tages-Anzeiger bereits am 14. Oktober über die Auftragsvergabe an Degussa berichtet. Bereits damals sah die Geschäftsführerin der Stiftung, Sibylle Quack, laut Tages-Anzeiger „Meinungsverschiedenheiten“ voraus. Einige werde die Beteiligung der Degussa schmerzen, andere könnten den Beitrag als Versöhnungsgeste akzeptieren. Der Wunsch der Degussa, das Denkmal zu unterstützen, könne nur positiv gewertet werden. Quack war am Wochenende nicht zu erreichen.

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