Vergangenheitsbewältigung : Lebenslänglich Opposition

Die Stasi brachte ihn ins Gefängnis – heute berät Reinhard Schult andere Opfer.

Werner van Bebber
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Aktensache. Reinhard Schult in seinem Büro in Mitte. -Foto: Uwe Steinert

Mit der Stasi hat er immer noch zu tun, still, aber nachhaltig kämpfend, wie es seine Art ist. Reinhard Schult hat an der Stasi und ihren Methoden gelitten, sie haben ihn ins Gefängnis gebracht. Als die DDR unterging, war er dabei, als am 15. Januar 1990 Bürgerrechtler das Ministerium für Staatssicherheit belagerten und besetzten. Dann kam Reinhard Schults Zeit als Politiker mit Mandat. Schult zog 1991 als Abgeordneter des Neuen Forums ins Berliner Landesparlament ein als einer von denen, die zu dem eingeschliffenen Betrieb sichtbar quer standen. Auch da ließ ihn die Stasi nicht los – und er sie nicht. Mit dem Neuen Forum trug Schult dazu bei, dass der erste Landesvorsitzende der PDS als Stasi-Mitarbeiter enttarnt wurde, danach dann ein Abgeordneter der Grünen.

Dabei wirkt der große, schwere Mann mit dem struppigen Bart nicht so, als lasse ihn die Vergangenheit nicht los. Er macht auch nicht viele Worte um die Stasi, jedenfalls nicht, was ihn selbst betrifft. Aber er ist dem DDR-Sicherheits- und Drangsalierapparat lebensthematisch treu geblieben: Heute berät der 58-Jährige Stasi-Opfer. Im Gebäude des Berliner Landesbeauftragten, einem alten Bürgerhaus an der Scharrenstraße in Mitte, macht Schult Termine mit Menschen, die Rat und Unterstützung etwa für ihre Rehabilitierung oder in den leidigen Rentenfragen brauchen. Das darf man sich nicht zu prätentiös vorstellen: Schult hat einen Tisch, einen etwas altmodisch wirkenden Computer, ein Regal und zwei Stühle zur Verfügung – Stasi-Opfer, das sieht man, sind diesem Land keine bevorzugte Behandlung wert. Einen Tag pro Woche tourt Reinhard Schult durch Brandenburg – die Mark war bislang ohne eigenen Stasi-Beauftragten; wer Hilfe brauchte, musste sich an den Berliner Landesbeauftragten wenden.

Weil Schult kein Freund großer Worte ist, benutzt er auch nicht die Schicksale, von denen er hört, um die nachhaltige Boshaftigkeit der Stasi zu beschreiben oder gar Werbung für die Tätigkeit des Landesbeauftragten zu machen. Er sagt nur, es sei erstaunlich, wie viele Stasi-Opfer noch immer nicht rehabilitiert seien. Schult versteht das, was er tut, durchaus als Politik – auch wenn ihn der etablierte Politikbetrieb nicht gereizt hat. „Das Angebot an bundesrepublikanischen Parteien ist nicht so verlockend“, sagt er. Deshalb hat er im Neuen Forum weitergemacht, das vor kurzem seinen 20. Geburtstag feierte.

Die Opposition von früher hat sich den oppositionellen Geist ganz klar bewahrt: Leute vom Neuen Forum haben gegen die Hartz-Gesetze mobilisiert und gegen Kriegseinsätze der Bundeswehr. Auf die Frage, ob die Bundesrepublik ein sozialer Staat sei, sagt Schult ganz trocken „Nö“. Und das macht auch die Freiheit, für die die Bürgerrechtler in der DDR gekämpft haben, zu einer relativen. Ein freies Land? „Man kann sagen, was man will. Man kann reisen und Firmen aufmachen. Aber wenn man abstürzt, ist man den Schikanen der Behörden ausgesetzt.“

Schult sagt solche Sätze mit der Gelassenheit eines Menschen, der offenbar sehr harte Zeiten überstanden hat – und gerade deshalb nicht bereit ist, sich die Dinge schönzureden. Er ist in der Bundesrepublik angekommen – und Oppositioneller geblieben. Er hat sich auch die menschlichen Zusammenhänge bewahrt, in denen er schon zu DDR-Zeiten zu Hause war, außer dem Neuen Forum auch die Redaktion der Zeitschrift „Horch und Guck“, deren aktuelles Heft mit Texten und wunderbaren Fotos an die Opposition des Herbstes von 1989 und deren Vorläufer in der DDR erinnert. Der spröde Reinhard Schult hat durchaus eine Lieblingserinnerung an den revolutionären Herbst 1989. Sie besteht in dem Gefühl, „dass die Leute aufgebrochen sind“ – nach so langer Zeit, in der „eine duckmäuserische Bevölkerung“ in einem „Gefühl der Resignation“ dahingelebt hatte.

Trotz oder gerade wegen dieser Erinnerung hat er den Geburtstag der Revolution in der DDR schon gefeiert, Anfang Oktober mit dem Neuen Forum. Der 9. November 2009 interessiert ihn nicht. Er hat zwar eine Einladung des Landes Berlin zum Groß-Event mit den fallenden Dominosteinen bekommen, doch da will er nicht hin. „Das ist mir zu blöd“, sagt Reinhard Schult.

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