Berlin : Vergebliche Suche

Rettungshunde wollen Lebende bergen. In der Erdbebenstadt Bam aber gab es nur Tote. Gestern kehrten die Tiere nach Berlin zurück

Sandra Dassler

„Wir haben getan, was wir konnten. Leider konnten wir diesmal keine Leben retten.“ Ein wenig Resignation schwingt mit, als Detlef Kühn, Leiter der Berliner Hundestaffel des Arbeiter-Samariter-Bundes sein Fazit des Iran-Einsatzes zieht. Erschöpft und müde kehrten gestern Abend vier Berliner Helfer und drei Hunde aus Bam zurück. „Dass es unwahrscheinlich sein würde, Lebende zu bergen, war unseren Leuten schon klar, als sie am Sonnabend im Erdbebengebiet ankamen“, erzählt Kühn. Die aus Lehm und Ton errichteten Häuser seien bei dem Beben in so kleine Trümmer zerfallen, dass sich keine Hohlräume bildeten, in denen Menschen überleben konnten. Außerdem habe eine riesige Staubwolke den Verschütteten den Sauerstoff entzogen, so dass sie erstickten.

Trotzdem haben Ulf Woy, Hannelore Thiede, Olaf Tonnätt und Sven Pilz mit ihren Hunden Ben, Condor und Aishe 72 Stunden lang nach Überlebenden gesucht. Wie alle anderen deutschen Hundeführer hatten sie keinen Erfolg. Zu allem Grauen der Katastrophe eine zusätzlich deprimierende Erfahrung, meint Detlef Kühn. Immerhin: Die überlebenden Einwohner von Bam seien sehr freundlich zu den Hunden gewesen, hätten sogar ihre Fladenbrote mit den Tieren teilen wollen. „Das mag hier selbstverständlich erscheinen“, sagt Kühn: „Aber in islamischen Ländern gelten Hunde als extrem unrein. Als wir Anfang der 90er Jahre nach einem Erdbeben in Jemen viele Lebende aus den Trümmern holten, wurden sie von den Einwohnern sofort wieder mit Steinen bedeckt. Man wollte sie nicht, weil sie mit den Hunden in Berührung gekommen waren. Sie erhielten nach unserer Erstversorgung keine Hilfe – die meisten starben.“ Inzwischen hat sich das Verhältnis zu Suchhunden in einigen arabischen Ländern normalisiert, aber noch immer gehört kein islamischer Staat der von Detlef Kühn vor zwölf Jahren initiierten Internationalen Rettungshundeorganisation (IRO) an. Zwar hat man in Bam auch arabische Hilfsorganisationen mit Suchhunden gesehen, aber deren Qualifikation lasse, so Kühn, noch sehr zu wünschen übrig. Die Berliner Hunde haben hingegen eine lange Ausbildung hinter sich. So konnten sie sich auch schnell auf die spezifischen Gerüche in Bam einstellen. Ein Iraner riecht anders als ein Deutscher, ein Erwachsener anders als ein Kleinkind.

Bereits am Samstagabend waren mehr als 50 Tote aufgespürt. Da die Tiere daran gewöhnt sind, Lebende zu bergen, wurden zwischendurch Erfolgserlebnisse für sie organisiert. Fremde Helfer spielten gerettete Überlebende, um die Hunde immer wieder zu motivieren. Für ihre Führer war es weniger einfach, die Katastrophe zu verarbeiten: „Die Medien berichten, dass Bam zu 70 Prozent zerstört ist“, erzählt Olaf Tonnätt, „wir haben allerdings vergeblich nach den nicht zerstörten 30 Prozent gesucht.“ Gerade angesichts der großen Schäden bleibt den Berliner Helfern keine Zeit zum Jammern. „Jetzt geht es darum, schnell notwendige Hilfsprojekte zu starten“, sagt Detlef Kühn. Einen Namen für die Aktion hat er schon: „Berlin hilft Bam“.

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