Berlin : Vergessene Geschichte(n)

Der Steglitzer Stadtpark ist ein Ort vielfältiger Begebenheiten. Wolfgang Holtz hat sie aufgeschrieben.

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Ein ganzes Buch über einen kleinen Park? Der Park liegt in Steglitz, was bei Wolfgang Holtz nicht verwundert, denn auf der Visitenkarte des Stadtforschers und ehemaligen Lehrers heißt es lapidar: „Der Steglitzer“.

Wolfgang Holtz, einst mehrere Jahre Leiter des Steglitzer Heimatmuseums, hat schon viel über den einst belächelten Bezirk geschrieben, über den sich schon Flaneur Franz Hessel 1929 in seinem Buch „Spazieren in Berlin“ wegen seiner Rückständigkeit lustig gemacht hat. Holtz interessieren vor allem „übersehene Orte“. Er schrieb zum Beispiel über die Gegend Südende, früher vornehme Villengegend, heute vor allem für ihre trostlose S-Bahn-Station bekannt. Oder über den Friedhof an der Bergstraße. „Mein Vater hat mir gesagt: Glaub bloß nicht, dass es da besser ist, wo alle hinrennen. Nee, du musst da gucken, wo sonst niemand hinschaut“, sagt Holtz jetzt, an einem Dezembermorgen, in einem noch menschenleeren Café in der Albrechtstraße, mit einer Stimme, die verflixt an die Stimme Manfred Krugs erinnert.

Da, wo niemand hinschaut. Draußen, auf dem Gehweg hinter der Scheibe, reißt ein Presslufthammer lärmend den Asphalt auf. Dahinter rauscht der Verkehr, aber auf der anderen Straßenseite, dort, wo der Stadtpark beginnt, wird’s interessant: Da schnallt gerade ein Langläufer beschwingt seine Skier ab, auf denen er – offenbar vom Teltow-Kanal kommend – über die schneebedeckten Wege geglitten kam, durch die Hügel- und Seenlandschaft des Parks mit dem Doppelteich, unter der Blutbuche am Musikpavillon entlang, vielleicht ist er auch durch den Birkenhain oder an den Urwelt-Mammutbäumen vorbeigekommen. Der Steglitzer Stadtpark ist zwar geschichtlich ein eher vergessener Ort, der im Bewusstsein der Steglitzer „versickerte“, wie Holtz und sein Co-Autor Christian Simon in ihrem Buch schreiben. Doch vielleicht wird er gerade wegen seiner Verwunschenheit dennoch so rege genutzt.

Es gab noch einen Grund, warum Wolfgang Holtz das Buch machen wollte: Er wusste selbst nur wenig über den Park, obwohl er am nahen Munsterdamm aufgewachsen war und auf den Tennisplätzen der Umgebung als Balljunge seine ersten Pfennige verdiente. Im Buch gibt es ein Foto, das ihn 1953 als Fünfjährigen mit seinem Vater auf einer Mauer im Stadtpark zeigt.

Aber mit dem Namen geht’s schon los: Wieso eigentlich „Stadtpark“? Als der Park 1914 gegründet wurde und seinen Namen bekam, war Steglitz keine Stadt, sondern mit über 80 000 Einwohnern die größte Landgemeinde Preußens, die erst 1920 zu Berlin eingemeindet wurde.

Wie entstand der Park? Was befand sich hier früher? Wer lebte in den Straßen der näheren Umgebung? Zusammen mit Co-Autor Christian Simon hat Holtz jahrelang in Archiven gegraben. Die beiden rekonstruieren nicht nur die Geschichte des Parks, auf dessen Areal sich davor Sommervillen und Gärtnereien befanden. Sie beschreiben auch die Baugeschichte, das Milieu und das politische Leben vom „Birkbusch bis zum Stadtpark“ von der Mitte des 19. Jahrhunderts über die Weimarer Republik und NS-Zeit bis in die 60er Jahre. Noch in den letzten Kriegstagen übten Mitglieder der Hitlerjugend an einem gehängten angeblichen Verräter Zielschießen. Und in den sechziger Jahren entstand in der Nähe des Parks eines der typisch monotonen Wohnhochhäuser dieser Zeit nach Entwürfen von Hans Wolff-Grohmann.

Das Buch ist eine regelrechte Wunderkammer, die über zweihundert historische Fotos enthält und in Dutzenden Damals-Heute-Gegenüberstellungen die Veränderungen des Gebietes wie in einem Daumenkino erfahrbar macht. Natürlich ist auch die Suchmeldung abgedruckt, mit der in einer Stadtteilzeitung vor Jahrzehnten vergeblich nach der Frau gefahndet wurde, die 1923 im Park ihre Puppe verloren hatte und weinend von einem Mann getröstet wurde, der sich als Franz Kafka herausstellte. Kafka sagte dem Mädchen, dass die Puppe nicht verloren, sondern nur auf Reisen gegangen sei und ihm einen Brief geschrieben habe. Drei Wochen soll sich Kafka daraufhin täglich mit dem Mädchen im Park getroffen haben, um ihm die neusten, von ihm selbst verfassten Puppen-Briefe vorzulesen. Der Dichter wohnte in den Jahren 1923/24, also kurz vor seinem Tod, an der Grunewaldstraße 13 am Rathaus Steglitz.

Spannend auch das Kapitel über den Berliner Maler Christian Schad. Der war als Vertreter der Neuen Sachlichkeit in den 20er Jahren in Charlottenburg ein bekanntes Gesicht, konnte aber nach dem Börsencrash 1929 die Miete nicht mehr zahlen. Er zog nach Steglitz und lebte von 1931 bis 1935 am Stadtpark mit Blick auf Bäume und Wiesen.

Wohl in der Hoffnung, damit etwas Geld zu verdienen, begann er in seiner neuen Heimat zu fotografieren. Mehrere Bilder sind im Buch abgedruckt, Parkstimmungen in Schwarz-Weiß, Kinder, die auf der Eisfläche Schlittschuh laufen. Oder ein Hund im Bollerwagen hinter dem Verkaufsstand eines Händlers. Titel: „Der Hüter der hinteren Geschäftsräume“.

Das Stadtparkviertel in Steglitz.Vom Birkbusch zum Stadtpark. Wolfgang Holtz und Christian Simon, AVI Verlags GmbH Berlin, 138 Seiten, 14,50 Euro.

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