Berlin : Vergessene Kinder

Warum arabische Jugendliche oft negativ auffallen – und wie Initiativen Zugang zu ihren Eltern suchen

Annette Kögel

Sie lassen ihren Frust tätlich an anderen aus, weil ihre Eltern ihnen nicht beigebracht haben, wie man mit Konflikten umgeht und Niederlagen verkraftet. Sie stehlen Statussymbole wie Handys von Mitschülern, um damit um Anerkennung zu buhlen, die sie sonst nicht bekommen. Sie finden das, was ihre traditionsbewussten Eltern vorgeben, oft unmöglich – und verteidigen sie dennoch vor anderen. Sie benutzen drastische Formulierungen und Schimpfwörter, ohne überhaupt noch zu spüren, was sie da sagen: An Schulen und in der Polizeistatistik fallen junge Berliner arabischer Herkunft immer wieder negativ auf. „Das ist kein ethnisches Problem, sondern liegt an vielen sozialen und wirtschaftlichen Faktoren“, sagt Nazar Mahmood, Leiter des Arabischen Kulturinstituts e.V. in Neukölln.

Der Verein gehört zu den größten deutsch-arabischen Initiativen in der Stadt, der seit 21 Jahren hier lebende Betriebswissenschaftler Mahmood gehört zu den Kennern der Rütli-Schule sowie der arabischen Community in Berlin. Diese tritt, anders als die türkische, nicht geschlossen in der gesellschaftlichen Debatte auf, „weil wir aus 20 unterschiedlichen Ländern kommen. Anders als die türkischen Berliner sind Araber meist politische Flüchtlinge oder Kriegsflüchtlinge, auch das unterscheidet uns“.

Das Hauptproblem sei, dass Palästinenser und Libanesen wegen ihres Duldungsstatus’ jahrzehntelang faktisch weder arbeiten durften noch an einen Ausbildungsplatz herankamen. Das lag nach Auskunft des Integrationsbeauftragten Günter Piening an der Nachrangigkeitsregel, die besagt, dass bei gleicher Eignung ein deutscher Bewerber bevorzugt werden muss. Keine Chance also auf eigenen Broterwerb, Selbstbestätigung über den Job – somit sinke bei vielen die Motivation, sich in der Schule zu engagieren. Erst seit Herbst 2005 könnten die Flüchtlinge einen Antrag auf eine Aufenthaltserlaubnis stellen.

„Die Eltern sind vom Kriegsgeschehen traumatisiert, die Jugendlichen bekommen in kinderreichen Familien und engen Wohnungen wenig Aufmerksamkeit, sie fühlen sich von den Deutschen nicht anerkannt, sind als Palästinenser staatenlos und ständig in Sorge wegen der immer neuen Konflikte mit Israel“, sagt Mahmood – all das präge auch die junge Generation. Mahmood kennt die Rütli-Schule von innen, er war schon bei Konflikten als Vermittler in der Schulkonferenz an der Hauptschule aktiv. Lehrer suchen den Kontakt zu den Eltern oft erst dann, wenn etwas passiert sei, „das ist zu spät“. Schon wegen der besonderen Mentalität würden die Eltern, deren Stolz leicht zu verletzen sei, ihre Kinder verteidigen und Gespräche oft abblocken. „Pädagogen sollten die Eltern früher bei positiven Anlässen ansprechen, dann gibt es einen leichteren Zugang.“

Das Arabische Kulturinstitut sucht nun selbst den Kontakt zu Eltern – beim neuen Projekt zur „demokratischen Erziehung“, finanziert über den Fonds „Lokales Soziales Kapital“. Ein arabischer Sozialarbeiter und eine deutsche Erzieherin werden auf Eltern problematischer Jugendlicher zugehen und versuchen, auf sie einzuwirken, damit sie etwa in der Pubertät bei Jungen toleranter reagieren. Damit sie Mädchen mehr Freiheiten, mehr Selbstbestimmung zugestehen. Mahmood hofft darauf, dass das Projekt „Multitreff – für ein friedliches Zusammenleben“ auch für die Rütli-Schule verlängert wird: Da spielen zum Beispiel Jugendliche verschiedener Nationen gemeinsam in einer Fußballmannschaft: Türken, Libanesen, Bosnier. Nur Spieler deutscher Nationalität zu finden, ist im Norden von Neukölln manchmal gar nicht so leicht.

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