Berlin : Vergifteter Badespaß

Vor der Küste von Genua bedroht eine Algenpest die Gesundheit – die Justiz ermittelt

Elke Bojanowski

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Das Gift einer Alge trübt seit einigen Tagen den Badespaß an der ligurischen Küste vor Genua. Schon rund 200 Urlauber mussten sich mit Vergiftungserscheinungen in Krankenhäusern behandeln lassen. Der Spielverderber ist eine mikroskopisch kleine Alge mit dem Namen „Ostreopsis ovata“. Vor Italiens Küste hat sie sich massenhaft vermehrt und eine so genannte Algenblüte in Gang gesetzt.

Die tropische Alge ist seit spätestens Ende der 80er Jahre auch im Mittelmeer heimisch. Sie gehört zu den Dinoflagellaten, der zweitwichtigsten Gruppe pflanzlichen Planktons. Plankton umfasst alle Meeresorganismen, die sich nicht durch eigene Aktivität fortbewegen, sondern mit der Strömung treiben lassen. Die meisten der über tausend bekannten Algenarten gehören zum Plankton und bilden die Grundlage der Nahrungskette im Meer.

Algenblüten sind seit biblischer Zeit bekannt. Ursache für das massenhafte Auftreten der einzelligen Meerespflanzen sind lang anhaltende Sonneneinstrahlung und ein üppiges Nährstoffangebot.

Auch in Nord- und Ostsee kommt es im Spätsommer nach warmen, niederschlagsarmen Schönwetterperioden häufig zu Algenblüten – zuletzt in Südostschweden. Die Algenteppiche sind in Luftaufnahmen als farbige Schlieren auf der Wasseroberfläche zu sehen. Ihre Farben variieren von gelb-grünlich bis rot, je nach Farbstoffen, die in der jeweiligen Algenart angereichert sind. Die Ostreopsis-Alge vor Italien führt allerdings auch in hohen Konzentrationen nicht zu einer Verfärbung des Wassers.

Nur wenige Dutzend Algenarten können für Menschen gefährlich werden. Deren Gifte gelangen meist über den Verzehr von Muscheln, Schalentieren oder Fischen in den menschlichen Körper. Auch das Gift von Ostreopsis-Arten kann sich in der Nahrungskette ansammeln, sagt Meeresbiologe Uwe John vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven. Die Folgen einer solchen Vergiftung sind unterschiedlich. Angefangen bei leichtem Schwindel und Übelkeit, über Magen-Darm-Erkrankungen reichen sie bis zu Lähmungen und Todesfällen. Dinoflagellaten sind zum Beispiel auch Mitauslöser der gefährlichen „Ciguatera“-Vergiftung. Sie kann nach dem Verzehr tropischer Rifffische auftreten, die diese Algen in ihrem Körper angereichert haben, und endet in besonders schweren Fällen tödlich. Bis heute gibt es – nicht nur für dieses Algengift – kein Gegenmittel. Die Folgen des direkten Kontaktes mit den giftigen Algen sind in der Regel harmloser, zum Beispiel Hautreizungen und bei Verschlucken Übelkeit.

Ob und wann sich bestimmte Algenarten drastisch vermehren, lässt sich nur schwer vorhersagen. Deshalb hat man entlang den deutschen Küsten Algenüberwachungsdienste eingerichtet. Sie prüfen mit Hilfe regelmäßiger Wasserproben und Überfliegungen die Zusammensetzung der Algen in Nord- und Ostsee. Auch in Italien versucht man den giftigen Algen auf der Spur zu bleiben – im Fall von Ostreopsis keine leichte Aufgabe. Im Winter und Frühling ist sie kaum zu finden. Bei Wassertemperaturen von unter 20 Grad Celsius verfällt die Alge in eine Art Winterruhe. Sie überdauert die kalte Periode angeheftet an größere Wasserpflanzen. Finden sich dann im Spätsommer die richtigen Faktoren zusammen, kann es innerhalb weniger Tage zur explosionsartigen Vermehrung der Einzeller kommen – und zur nächsten Algenblüte.

Die momentane Blüte könnte auch ein juristisches Nachspiel bekommen. Derzeit prüft zumindest die italienische Staatsanwaltschaft, ob Unbekannte das Meer eventuell mit Reinigungssubstanzen oder anderen Mitteln verschmutzt haben. Derweil verhängte die Stadt Genua ein vorläufiges Badeverbot. Sie hofft allerdings, es bald wieder aufheben zu können: Der Wind soll die giftigen Algen ins offene Meer verteilen und wieder für ungetrübten Badespaß sorgen.

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