Berlin : Vergraben, aber nicht vergessen

Vor fast zwölf Jahren wurde die Statue von Wladimir Iljitsch Lenin demontiert. Soll sie wieder aufgebaut werden? Ein Pro & Contra

Matthias Oloew

Erst als Anita Ekberg in seinem Wasser planschte, wurde er weltberühmt, der Trevi-Brunnen in Rom. Federico Fellini setzte mit der Szene in seinem Film „Das süße Leben“ dem Denkmal ein Denkmal. Zwar ist Wolfgang Becker, Regisseur von „Good bye, Lenin!“, (noch) kein Fellini und Kathrin Saß, die Hauptdarstellerin, (noch) nicht so populär wie die Ekberg, doch der große deutsche Filmerfolg dieses Jahres setzt ebenfalls einem Denkmal ein Denkmal. Allerdings einem, das aus dem Bild der Stadt verschwunden ist – Wladimir Iljitsch Lenin.

Das ehemals 19 Meter hohe Granit-Standbild von Nikolaij Tomski stand auf dem heutigen Platz der Vereinten Nationen in Friedrichshain. Jetzt lagert es, in 125 Einzelteile zerlegt, verbuddelt im Seddiner Forst in Köpenick. Der genaue Ort wird vom Senat verschwiegen, um Souvenirjäger nicht anzulocken. Hat alles nichts genützt, denn Lenins Fans graben an seiner Ruhestätte in dem umzäunten Areal. Doch an dem Versuch, Teile des Denkmals mitgehen zu lassen, haben sich in den vergangenen Jahren immer wieder selbst ernannte Glücksritter verhoben. Lenin ist einfach zu schwer.

1991 ist mit seiner Demontage begonnen worden, am 8. November, am Vorabend zum Jahrestag des Mauerfalls. Der schwarz-rote Senat unter Führung von Eberhard Diepgen wollte das Denkmal nicht mehr sehen und erkannte in dem Abbau eine „Fortsetzung und damit einen Bestandteil der 1989 eingeleiteten Revolution“. Das sahen große Teile der Revolutionäre von ehedem allerdings nicht so. Ein Proteststurm brach los. Anwohner errichteten Barrikaden, Demonstranten setzten sich für die Erhaltung ein, Abgeordnete von PDS und Grünen kampierten vor dem Standbild, die Leserbriefe und Reaktionen füllten ganze Seiten der Tageszeitungen.

Die Abriss-Befürworter sahen in Lenin das Zeugnis eines totalitären Regimes, das nicht geduldet werden könne. Abriss-Kritiker würdigten das Kunstwerk als historisches Zeugnis. Sie gestanden nur dem Volk zu, Denkmäler von Unterdrückern umzustürzen – der Abriss Lenins sei jedoch ein Akt von Verwaltern, die auf ihren Sieg noch draufsatteln wollten. Es nützte alles nichts: Am 13. November hoben Arbeiter den Kopf von der Statue und schufen damit die Grundlage für die Schlüsselszene in „Good bye, Lenin!“.

Zunächst sollte der Abriss wenige Tage dauern und 100 000 Mark kosten. Es dauerte Monate, die Kosten lagen schnell bei einer halben Million Mark. Über die tatsächliche Summe wollte am Schluss niemand mehr etwas sagen. Lenin verschwand aus der Denkmalliste, aber das Urheberrecht des Künstlers verhinderte die endgültige Zerstörung. Der Senat musste die Blöcke schützen – und tat es, indem er sie im landeseigenen Wald vergraben ließ. Kunsthistoriker beklagen heute den Verlust eines historischen Zeugnisses. Stadtplaner bemängeln, dass dem Senat nicht allzu viel eingefallen ist, um die Lücke am ehemaligen Leninplatz (heute: Platz der Vereinten Nationen) zu füllen.

Tatsächlich ist das Areal so angelegt, dass Lenin, 1970 aufgestellt, das bestimmende Zentrum bildete. Längst hat ein Umdenken im Umgang mit dem sozialistischen Erbe Berlins eingesetzt. Die Plattenbauten am Alex und anderswo gelten inzwischen als schick. Das Kino International, ehemals Premierenkino der DDR, ist als Party- und Uraufführungsort gefragt. Das Café Moskau ist hipper Szenetreff. Kaum ein Werbe- oder Musikclip mit Berlin als Kulisse kommt ohne die Fassaden der „Hauptstadt der DDR“ aus. Denkbar, dass das auch touristisch interessant werden könnte – Vergleichbares haben London und Paris nicht zu bieten.

Thomas Flierl, heute Kultursenator, stritt als Baustadtrat von Mitte vehement für die sozialistische Moderne, um sich anschließend wütenden Protest von Stadtentwicklungssenator Peter Strieder einzuhandeln, der mit seinem „Planwerk Innenstadt“ das sozialistische Erbe zurückbauen möchte. Wolfgang Brauer, kulturpolitischer Sprecher der PDS im Abgeordnetenhaus, vergleicht den ehemaligen Leninplatz mit einem „unsanierten Gebiss“. Ein Wiederaufbau des Denkmals ist für ihn denkbar, „aber nur mit einer Coca-Cola- Banderole“ wie im Film.

Den Wiederaufbau fordert im Ernst bis jetzt also niemand. Ist Frieden mit Lenin trotzdem denkbar? Eine Gelegenheit bietet sich eventuell 2004. Da jährt sich der Todestag des Wladimir Iljitsch zum 80. Mal und bietet sicher Anlass zu einer Diskussion über sein historisches Vermächtnis.

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