Berlin : „Vergrämer“ im Einsatz: Kampf gegen die Taubenplage

Oliver Jesgulke

Eine Familie kehrt aus ihrem zweiwöchigen Sommerurlaub in Frankreich zurück und findet ihre Wohnung voller Tauben und Exkremente vor. Ein Albtraum für Heimkehrer, die während der Ferien ein Fenster ihrer Wohnung offen ließen – für Schädlingsbekämpfer Erhard Thomaschky Alltag. Seit 36 Jahren rückt er aus, wenn Unternehmen, Hausbesitzer oder Mieter Probleme mit Tauben haben. Gerade während des Sommers mehren sich die Notrufe. Thomaschky und seine Mitarbeiter bringen dann feinmaschige Netze, Stacheln und Elektro-Impulssysteme an Häuserwänden, Kuppeln und Innenhöfen an.

Nach Schätzungen von Ornithologen gibt es 50 000 Tauben in der Hauptstadt. Seit der Wende hat sich der Bestand damit halbiert. Ihnen gegenüber stehen rund 30 – meist kleinere – Unternehmen für Schädlingsbekämpfung, die sich auf die so genannte Taubenvergrämung spezialisiert haben. Fünf bis sechs Pfund Kot produziert eine Taube pro Jahr, der schwere Schäden an Bauwerken verursacht. Zudem ist der Taubenkot nach Auskunft von Experten Überträger von Taubenläusen, -zecken und Infektionserregern, die bei Menschen Lungen- oder Darmerkrankungen verursachen können. Die Berliner Verkehrsbetriebe beziffern die Kosten für die Beseitigung von Taubendreck und den Einsatz von Taubenabwehrsysteme auf eine halbe Million Euro im Jahr. Robert Rath vom Landesamt für Arbeitsschutz taxiert die Gesamtkosten für die Vergrämung stadtweit auf fünf Millionen Euro, für Reinigung und Beseitigung von Gebäudeschäden auf zehn Millionen Euro jährlich.

Früher rückten die Vergrämer den Stadttauben mit Blausäure und kostspieligen Antibabypillen auf den Leib. Nach massiven Protesten von Tierschützern in den 80er Jahren sind heute nur noch tierschutzgerechte Vertreibungssysteme erlaubt, die das Tier weder quälen noch tödliche Verletzungen verursachen.

Bis ein Taubenschwarm endgültig von einem Gebäude verschwunden ist, braucht es oft mehrere Einsätze. Manchmal dauert die so genannte Vergrämung sogar Wochen oder Monate, da die Vögel lange an ihren Objekten festhalten. Gelegentlich wird Thomaschky auch zu einem echten „Slum“ gerufen. Verwaiste Fabrikhallen oder Dachstühle, in denen Stadttauben über Jahre hinweg ungestört leben konnten. Der Anblick gleicht in solchen Fällen einer Horrorfilm-Kulisse: zentimeterdicke Schichten aus Federn, skelettierten Vögeln und Kot.

Meist wurde einfach nur vergessen, eine Fensterluke zu schließen, oder ein Sturm hat ein paar Ziegel davongetragen. „Die Tauben sehen das Loch, blitzschnell ist der Schwarm drin“, sagt Thomaschky. Und dann gebe es noch das Phänomen der „Kamikazetaube“, die in eine geschlossene Glasluke fliege und sich so für die Gruppe opfere, erzählt er. In Schwerstarbeit würden die Nester und Eier dann „ausgemerzt“ – in Schutzanzügen mit Atemmasken. „Bei den derzeitigen Temperaturen schwitzt man dabei unglaublich, vor allem, wenn man einige Tonnen Sondermüll zusammenkehren muss", berichtet Thomaschky.

Mit seiner Arbeit, so merkt Thomaschky an, kann er lediglich dafür sorgen, dass die Tauben weiterziehen. Großen Einfluss auf die Population hat er damit nicht. Thomaschky erzählt von meist älteren Damen, die an verschiedenen Plätzen in Berlin großzügig Futter streuen. Sie von den negativen Auswirkungen ihres Tuns zu überzeugen - das hat er längst aufgegeben.

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