Verhandlung um Wettbüro-Mord in Berlin : Der Rocker-Prozess dreht sich um sich selbst

Nach vier Verhandlungstagen im spektakuläre Rocker-Prozess wegen Mordes ist noch nicht einmal die Anklage verlesen. Die Angeklagten geben sich bislang locker und gut gelaunt.

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Polizei und Besucher vor dem Gerichtssaal in Berlin-Moabit.
Polizei und Besucher vor dem Gerichtssaal in Berlin-Moabit.Foto: dpa

Berlin - Es wird kritisiert, argumentiert, beantragt und zurückgewiesen. Doch der spektakuläre Rocker-Prozess gegen elf Angeklagte wegen Mordes kommt nicht recht voran. Nach vier Verhandlungstagen ist noch nicht einmal die Anklage verlesen. Die 24 Verteidiger bestimmen mit immer neuen Anträgen das Geschehen. Ist die Öffentlichkeit ordnungsgemäß hergestellt? Darf das Gericht die Zahl der Zuhörer reduzieren? Gab es auch an der hinteren Saaltür einen Aufruf für die Sitzung? Einige der Angeklagten grinsen oft.

Der Fall ist brisant, das Großverfahren eine Herausforderung. Zehn der zumeist kahlköpfigen und bulligen Männer gelten als Mitglieder der Hells Angels – und der 30-jährige Kadir P. sitzt als ihr Boss mit auf der Anklagebank. Er soll den Anschlag am 10. Januar dieses Jahres in Auftrag gegeben haben. Eine Kolonne von teilweise vermummten Männern in Kapuzenjacken war in das Wettbüro in Reinickendorf marschiert. Der Mann an der Spitze zog eine Waffe. Acht Schüsse fielen innerhalb von fünf Sekunden.

Der 26-jährige Tahir Ö., der sich Monate zuvor vor einer Diskothek in Mitte mit Hells Angels angelegt und einen verletzt hatte, starb noch im Wettcafé. Sechs Kugeln hatten ihn getroffen. Schütze soll Recep O. gewesen sein, 25 Jahre alt. Doch keineswegs sei ein Mord oder eine andere Aktion geplant gewesen, sagte einer seiner Anwälte am Rande des Prozesses. „Es ist aus dem Ruder gelaufen.“

P. und seine Gefolgsleute geben sich bislang locker und bestens gelaunt. Auf dem Schädel von P. klemmt meistens seine Designerbrille. Er nutzte jede Gelegenheit, um augenzwinkernd ins Publikum zu winken. Zwei andere Männer auf der Anklagebank fanden es einmal so lustig, dass sie sich mit ihren Plastikbechern lachend zuprosteten. Einzig Kassra Z., der gegen seine einstigen Rocker-„Brüder“ ausgepackt hat und als Kronzeuge gilt, folgt dem juristischen Geplänkel angespannt. Er sitzt als einer der Mordverdächtigen in einer gesonderten Panzerglas-Box. Der Prozess wird nach wie vor streng von der Polizei bewacht. Die Fortsetzung folgt am Dienstag.Kerstin Gehrke

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