• Verheerende Umfragewerte verunsichern die Partei und lassen die Solidarität bröckeln, dennoch kein Kandidaten-Tausch

Berlin : Verheerende Umfragewerte verunsichern die Partei und lassen die Solidarität bröckeln, dennoch kein Kandidaten-Tausch

Brigitte Grunert

Das anhaltende Umfragetief der SPD und die Debatte über ihren Spitzenkandidaten Walter Momper verunsichern die Parteibasis knapp sechs Wochen vor der Wahl tief. Klaus Bölling, einst Regierungssprecher von Bundeskanzler Helmut Schmidt, hat mit seinem öffentlichen Rat, Momper gegen Fraktionschef Klaus Böger auszuwechseln ("Besser mit Böger") in ein Wespennest gestochen. Sowohl Momper als auch Böger und Parteichef Peter Strieder lehnen den Kandidatenwechsel strikt ab. Dies sei auch in den Parteigremien kein Thema, sagte Strieder.

"Ich denke nicht daran, dem Kommentar Böllings zu folgen. Meine Standfestigkeit ist nicht erschüttert", sagte Momper gestern beim Pressefrühstück mit weiblichen Kandidaten. "Nein", meinte er knapp auf die Frage, ob er seine Kandidatur bereue: "Wer sich entscheidet, muss dafür stehen." Die Frauen zollten ihm Beifall.

Strieder und Böger erklärten, man lasse sich von Außen keine neue Momper-Debatte aufzwingen, "von wem auch immer", wie Böger sagte. "Ich höre ja auch nicht auf die satanischen Verse von CDU-Fraktionchef Landowsky", so Strieder. Böger betonte: "Ich stehe für einen Kandidatenwechsel nicht zur Verfügung." Strieders Echo darauf klang leicht gereizt: "Das muss er auch nicht, denn er wird nicht gefragt." Während Böger den "Kommentar" von Bölling "nicht kommentieren" wollte, zeigte sich Strieder empört: "Hätte er geschwiegen, würde man ihn weiter für einen klugen Mann halten. Er schreibt für Geld." Momper sei der richtige Kandidat. Einigen in der SPD sei offenbar "das Herz in die Hose gerutscht", räumte er ein. Sie sollten nicht "schwadronieren, sondern um jede Stimme kämpfen".

An der Basis hält sich die Empörung über Böllings Ansinnen in Grenzen. "Man muss doch mal die Schnauze halten können", meinte einer. Die Abgeordnete Käthe Zillbach, die nicht wieder kandidiert, meinte: "Viel könnte bei einem Wechsel des Spitzenkandidaten auch nicht mehr kaputt gehen"; Momper hätte schon im Sommer die Konsequenzen ziehen sollen. Die Frage des Kandidatenwechsels war vor der Sommerpause aufgetaucht. Damals hieß es bereits, es sei zu spät. Das sieht man heute erst recht so. Für das befürchtete Wahldesaster haben viele aber in Momper schon den Schuldigen gefunden, obwohl sie es nicht laut sagen wie Frau Zillbach. "Wenn es nicht so gut läuft, gibt es immer welche, die es schon immer besser gewußt haben und sich absetzen", meinte ein Parteikenner.

Böger will sich nicht verbrauchen. "Ein Wechsel kurz vor der Wahl hätte doch desaströse Wirkung", sagte Fraktionssprecher Peter Stadtmüller. Mit der "Kampagne" gegen Momper solle "nicht nur der Spitzenkandidat, sondern die gesamte SPD getroffen werden". Auch Parteivize Klaus Uwe Benneter verwahrte sich gegen "Aktionen von Außen", Momper "zur Unperson" zu erklären: "Der Schuss geht nach hinten los."

Bei den SPD-Frauen war Momper gestern Hahn im Korbe. Sie berichteten von positiveren Eindrücken im Strassenwahlkampf als nach Umfragen, ließen aber offen, wie Momper dabei ankommt. "Fifti-Fifti", schätzte eine Steglitzer Abgeordnete und Kandidatin hinterher. Viele würden ihm die rot-grüne Senatsbildung von 1989 übel nehmen. Damit sprach sie einen empfindlichen Punkt an, der der SPD bewußt ist. Die jüngste Kandidatin Petra Hildebrandt (26) aus Neukölln meinte nur bündig: "Der Spitzenkandidat wackelt nicht. Es gibt wichtigere Dinge im Wahlkampf."

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